Dieser Text ist unter Mitarbeit von Nicky Kippes entstanden.
Dem Medium der Fotografie wird oft unterstellt, die Realität abzubilden, obwohl vielen Menschen eigentlich bewusst ist, dass dies gar nicht immer so ist: „Gestellte“ Fotos kennt jeder von uns. Das gleiche gilt für historische Fotografien. Mit ihren speziellen Darstellungsmitteln sind sie immer ein Produkt ihrer Zeit und zeigen unter der Lupe der Historiker*innen eigentlich mehr die Verhältnisse hinter der Kamera als davor.[1] Im Rahmen der Ausstellung zur Kolonialfotografie für das Festival Highdigenous Live! konnten wir dies anhand zweier Beispiele veranschaulichen.
Inszenierung und Rezeption von Kolonialfotografien
Kolonialfotografie war am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein blühendes Geschäft, das sich großer Nachfrage erfreute. Im kolonialen Kontext entstandene Fotografien wurden in Europa z.B. als Postkarten oder als Werbematerial verbreitet. Einerseits sollten sie die Betrachter*innen über die Kolonien und die dortigen Menschen, Tiere, Landschaften und das Vorgehen der Kolonisierenden informieren.[2] Andererseits wurden sie dazu verwendet, koloniale Praktiken zu rechtfertigen und zu festigen. Sie zeigten, dass sich die kolonialen Bestrebungen lohnten, z.B. durch die Produktion dringend benötigter Rohstoffe wie Kautschuk oder Zuckerrohr. Auch als vermeintlicher Beweis der erfolgreichen Erziehung der Einheimischen nach europäischen Standards (Zivilisierungsmission[3]) wurden die Fotografien vielfach verwendet, wie beispielsweise Abbildungen von der Erbauung von Städten, von Kindern beim Schulunterricht oder der Urbarmachung des Landes für die Landwirtschaft zeigen. (Pseudo)wissenschaftliche Arbeiten machten ebenfalls Gebrauch von den Fotografien: Typenportraits lieferten Material für die sog. Eugenik, welche durch die These der Überlegenheit der weißen Rasse bei der Legitimierung der Machtstrukturen in den Kolonien half. Ziel pseudowissenschaftlicher Arbeiten war es, Differenzen unter den Rassen festzuschreiben, welche die Kolonisierung legitimieren würden. Die Wahrnehmung solcher Differenzen führte jedoch zumeist zur Fetischisierung und Entmenschlichung der kolonisierten Völker, da ihr Körper zu einem exotischen Objekt gemacht wurde. Was mit wissenschaftlichem Interesse beschrieben wurde, war in der Realität Schaulust, eine Suche nach Obszönitäten und vor allem Machtmissbrauch gegenüber den vermeintlich erforschten Körpern.[4] So prägten sich in den Köpfen der Bevölkerung Europas Annahmen über und Bilder von den Menschen kolonisierter Völker ein, zu deren Verbreitungen auch Fotografien beitrugen. Fotos, die zunächst vermeintlich unproblematische Alltagsszenen abbildeten, wurden durch bewusste Inszenierung oder die bereits bestehenden Stereotypen in den Köpfen der Betrachter*innen zu Herrschaftsinstrumenten, die koloniale Praktiken legitimierten. Die Unterdrückung und Ausbeutung der Kolonisierten wurden als Arbeits- und Kulturerziehung angepriesen.[5]
Allerdings muss die Intention des*der Fotograf*in und die Nutzung eines Bildes nicht identisch sein. Die Interpretation eines Bilds kann durch die Wahl des Bildausschnittes, die Anordnung der Gegenstände auf dem Bild oder durch die beigefügte Bildunterschrift beeinflusst werden. Ähnliches geschah beispielsweise mit einer Fotografie von Samuel Maharero (Abb. 1), dem Chief der Herero (ca. 1904). Als das Bild aufgenommen wurde, stand der Anführer noch in gutem Kontakt mit der deutschen Kolonialregierung. Seine Haltung und die Aufnahmeperspektive von unten lassen vermuten, dass er in Absprache mit dem Fotografen seine Position selbst wählen konnte und somit auf die Bildaussage Einfluss nahm. Für den*die Betrachter*in erscheint Samuel Maharero als ein selbstbewusster Mann, den man in seiner Position als Chief der Herero anerkannte. Doch nachdem 1904 unter seiner Führung Aufstände gegen die deutsche Kolonialmacht begonnen hatten, wurde der Anführer mit der Bildunterschrift „Der feige Oberhäuptling der Herero“ abgewertet. Der Bildinhalt wurde folglich zu einem späteren Zeitpunkt durch die Bildunterschrift beim deutschsprachigen Publikum verändert und als Bildpostkarte in Umlauf gebracht, um Antipathien gegen Maharero und die Herero zu schüren. Nach 1918 erfuhr die Abbildung in Namibia eine erneute Umdeutung: Maharero wurde und wird mithilfe des Fotos, selbstverständlich ohne den abwertenden Untertitel, bis heute als Nationalheld erinnert. Das Foto dient dabei als Beleg für das Selbstbewusstsein des Anführers, das wiederum das Selbstbild der Herero als Bevölkerungsgruppe stärken soll.[6]
Die vielen Wege, die die Interpretation einer Fotografie einschlagen kann, sind maßgeblich vom historischen und sozialen Kontext bestimmt. Daher erfordern die vielen Ebenen, auf denen der Inhalt einer Kolonialfotografie analysiert werden kann, einen möglichst umfassenden Blick auf die kulturellen und ideologischen Verhältnisse der Zeit.

Die Kolonialmacht in Deutsch-Ostafrika, und wie ein Laternenputzer sie legitimierte
Deutsch-Ostafrika war seit 1885 eine deutsche Kolonie, damals „Schutzgebiet“ genannt. Es handelte sich um ein das heutige Tansania (ohne Sansibar), Burundi, Ruanda und einen kleinen Teil von Mosambik umfassendes Gebiet.[7] Es war fast doppelt so groß wie das Deutsche Reich selbst und stellte mit ca. 7,75 Mio. Einwohnern die bevölkerungsreichste deutsche Kolonie dar. Das Deutsche Reich beherrschte das Gebiet bis 1918.[8] Im besetzten Land traf man auf bereits etablierte Machtstrukturen, die man sich durch Verträge mit rivalisierenden Chiefs zu Nutzen machte, um Konflikte zwischen den verschiedenen einheimischen Gruppen zu verschärfen und die eigene Macht auszubauen.[9] Zur Machtsicherung setzten die Deutschen außerdem eine Militäreinheit unter dem Namen „Schutztruppe“ ein, in welche auch Einheimische in Form von Hilfstruppen eingegliedert wurden. Sie wirkten auch an sog. Expeditionen, die in der Realität brutale Raubzüge darstellten. Dabei wurde die Ausführung von Folter, Erpressung und Diebstahl den Hilfstruppen zugeschoben.[10] Der Widerstand konnte durch diese Maßnahmen jedoch nicht beseitigt werden. So setzten sich z.B. die Massai durch Angriffe auf Karawanen und die Bedrohung von großen Küstenstädten (wie z.B. Tanga) gegen die Kolonisation zur Wehr. Sie wurden von der deutschen Kolonialmacht gefürchtet, bis sie schließlich durch Rinderpest, Hungersnot und die Pocken so stark geschwächt wurden, dass sie zunehmend durch die deutsche und britische Kolonialverwaltung eingeschränkt und unterdrückt werden konnten. Auf dem eingenommenen Land versuchten die deutschen Siedler*innen möglichst hohe Erträge zu erwirtschaften. Exportiert wurden beispielsweise Elfenbein, Rohkautschuk, Sesam, Kopra, Harze, Kokosnüsse, Holz, Gehörne, Kaffee, Gewürze und Nilpferdzähne. Die meist in ausbeuterischen Verhältnisse erzeugten Handelswaren wurden in der Heimat teuer verkauft. Für die deutsche Regierung blieben die Verwaltung und die militärische Sicherung der Kolonien trotzdem immer ein Verlustgeschäft.[11]
1905 erreichte die repressive Gewalt durch die deutsche Kolonialregierung einen Höhepunkt, was zum Maji-Maji-Aufstand führte: Über 20 einheimische Gruppen schlossen sich zusammen, um gegen die Deutschen aufzubegehren. Trotz einiger verheerender Niederlagen hatten die Aufständischen im Oktober 1905 die Hälfte der Kolonie unter Kontrolle. Ab 1906 setzten die Deutschen brutalere Methoden ein: Dörfer, Ernten und Brunnen wurden zerstört, und Angehörige der Führer inhaftiert.[12] Bis zum Ende des Aufstandes 1907 kamen 100.000 bis 300.000 Aufständische ums Leben, wohingegen lediglich 15 Europäer und 389 afrikanische Soldaten während des Konfliktes starben.[13] Mit dem Versailler Vertrag musste Deutschland alle Kolonien abgeben, was jedoch keine Unabhängigkeit bedeutete: Deutsch-Ostafrika wurde zwischen Belgien und Großbritannien aufgeteilt.
Um die Kolonisation zu dokumentieren und die Menschen im Deutschen Reich über Land, Akteure und Praktiken zu informieren, wurden zahlreiche Fotografien mit den unterschiedlichsten Motiven und Intentionen aufgenommen. Ein wiederholtes Motiv stellen dabei Straßenszenen dar wie die auf dem Foto „Laternenputzer“. Man sieht eine Straße, eine weiße Mauer als Grundstücksbegrenzung und eine Straßenlaterne, die im europäischen Baustil errichtet wurden. Zwischen ihnen befindet sich eine Abwasserrinne. Im Hintergrund sind Palmen zu sehen, die den Kontext deutlich machen: Die Bauwerke befinden sich nicht auf europäischem Boden, sondern in einer Kolonie. Diese unerwartete Zusammenstellung von exotischer Natur einerseits und europäisch-fortschrittlich anmutender Stadtarchitektur andererseits setzt die angebliche Zivilisierungsleistung der Kolonisation in Szene, die das Lebensniveau der einheimischen Bevölkerung deutlich angehoben habe – hier auf das Niveau von Dienstboten. Nicht zu sehen ist, dass dazu der vorherige Zustand des Ortes zerstört wurde; die neue Architektur entsprach auch nicht zwingend den geografischen und klimatischen Gegebenheiten. Beispielsweise waren europäische Häuser nicht darauf ausgelegt, bei großer Hitze Abkühlung zu schaffen, die die traditionelle Bauweise sehr wohl bieten konnte.
Auf der Fotografie (Abb. 2) sind vier Menschen zu sehen, die sich in einem gepflegten europäischen Viertel in einer Kolonie bewegen. Zwei Männer sind mit der Arbeit beschäftigt; einer steht oben auf der Leiter, während der andere sie festhält. Ihre Bekleidung ähnelt jener der europäischen Kolonisierenden, bis auf das Detail, dass alle Anwesenden barfuß abgebildet sind. Rechts am Rand des Fotos stehen zwei Kinder, die zu dem Mann auf der Leiter staunend hinaufblicken. Es werden folglich zwei Generationen abgebildet, die scheinbar von den Innovationen und der Infrastruktur, die durch die Kolonialmächte ins Land gebracht worden sind, profitieren. Durch die Kinder wird der vermeintliche Fortschritt gar bestaunt. Auf dem Bild ist kein einziger Weißer abgebildet. Dennoch ist die Präsenz der Kolonialherren durch das neu geschaffene Straßenbild allgegenwärtig. Dem*der Betrachter*in wird ein vermeintlicher Mehrwehrt der Kolonisation durch die Deutschen suggeriert; die Kolonisation wird im Bild legitimiert.
Der Mann auf der Leiter übernimmt die Reinigung und Pflege der Laterne, die im europäischen Viertel aufgestellt worden ist. Dabei ist er in europäischer Kleidung abgelichtet, aber barfuß. Er soll die vermeintlich erfolgreiche Zivilisierungsmission durch die deutsche Kolonialmacht zum Ausdruck bringen, die die Einheimischen zwar ausgebildet und kulturell gehoben habe, aber nicht auf die gleiche Stufe mit den Siedler*innen. Die Fotografie verschweigt, dass die Viertel mit diesem Lebensstandard (Beleuchtung, befestigte Straßen, Marmorgeländer) lediglich den europäischen Bewohner*innen zugedacht waren. So waren viele Städte der Kolonien in Viertel eingeteilt, die jeweils bestimmten Ethnien und Bevölkerungsgruppen zugewiesen wurden. Die einzelnen Viertel hatten entsprechende Namen und unterschieden sich stark in ihren Baustilen und der Infrastruktur. Auch die Bevölkerungsdichte der jeweiligen Viertel war unterschiedlich. Die europäischen Viertel, die der weißen Bevölkerung vorbehalten waren, wiesen im Vergleich zu den Einheimischen eine sehr geringe Bevölkerungsdichte auf.[14] Der Lebensstandard in den Vierteln der einheimischen Bevölkerung weitaus niedriger. Darüber hinaus war die von den Einheimischen verrichtete Arbeit eine Pflicht: Im Zuge der „Verordnung, betreffend die Heranziehung der Eingeborenen zu öffentlichen Arbeiten“ wurden Einheimische zu unbezahlten Instandhaltungs- und Bauarbeiten von europäischen Vierteln gezwungen. Wurde der Arbeitsdienst verweigert, dann drohte eine Strafen in Form von weitaus schwerere Arbeit oder gar im schlimmsten Falle der Verkauf der Widerspenstigen als Sklav*innen an eine Plantage.[15] Personen, die die von der Kolonialmacht verordnete Kopf- und Hüttensteuer nicht zahlen konnten, wurden zu Tributarbeiten weggeschickt, oft weit entfernt von ihrem Wohnort.[16] Was also im Heimatland auf der Fotografie als ein Erfolg der Zivilisierungsmission angepriesen wurde, war in der Realität nichts anderes als Ausbeutung.

Die Großwildjagd als Instrument kolonialer Machtstrukturen
Kaum ein anderer Kontinent wird so sehr über seine Tierwelt imaginiert wie Afrika, wobei insbesondere die Giraffen, Löwen, Zebras und Elefanten des Serengeti-Nationalparks in Tansania Reiseziele vieler Abenteuerlustiger sind. Die Gründung des Nationalparks war allerdings auch das Resultat des europäischen Elfenbeinhandels und der Ausbeutung der Natur durch die Großwildjäger der Kolonialzeit: Elfenbein wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem etablierten, universellen Rohstoff im Alltag europäischer Eliten: Man verwendete es nicht nur im Kunsthandwerk, z.B. für Möbel, sondern auch in Pfeifenköpfen, als Zahnersatz, Billardkugeln, zum Schnitzen von Kämmen oder als Bestandteil von Klaviaturen. Als wichtigste Handelsstützpunkte für das „Weiße Gold“ etablierten sich Sansibar und Tansania, das zwischen 1885 und 1918 Teil der Kolonie Deutsch-Ostafrika war. Die Elefantenjagd und der damit verbundene Elfenbeinhandel war in dieser Zeit nicht nur ein einträgliches Geschäft für die deutsche Kolonialmacht, sondern auch ein zentrales Element der kolonialen Herrschaftsausübung und -inszenierung.
Elefantenjagd und Elfenbeinhandel waren schon vor der Errichtung der deutschen Kolonie in der Region etabliert, es gab bereits entsprechende einheimische Handelsnetzwerke.[17] Mit der Einrichtung des deutschen Kolonialgebietes wurden Jagd und Handel jedoch intensiviert, die Handelswege umgeleitet und die einheimischen Netzwerke umgangen oder ausgetrocknet.[18] Das führte mitunter zu blutigen Auseinandersetzungen mit einheimischen Elfenbeinhändlern. Gleichzeitig wurden aber auch einheimische Praktiken und Rituale der Elefantenjagd von den Kolonisierenden übernommen, um die eigenen Herrschaftsansprüche zu legitimieren und auszubauen: Beispielsweise war gemäß der lokalen Tradition ein Teil des Elfenbeins von den Jägern immer an denjenigen Chief zu entrichten, auf dessen Gebiet das Tier erlegt worden war, was gleichzeitig als Versöhnungsritual mit den Geistern des Landes galt. Die Deutschen inszenierten sich nun als vermeintlich neue Landesherren, indem sie die lokale Tradition adaptierten und ebenfalls einen Anteil der Jagdbeute von den Jägern, auch den einheimischen, verlangten.[19] Dadurch wurden Elefantenjagd und der -handel nicht nur zur wichtigsten Einnahmequelle des deutschen Gouvernements[20], sondern gleichzeitig dienten sie ihm zur Festigung seiner Herrschaft. Die Intensivierung der Jagd führte dazu, dass um die Jahrhundertwende in manchen Gebieten die Elefanten bereits ausgerottet waren. Diesen Umstand nahm die deutsche Kolonialregierung in Deutsch-Ostafrika zum Anlass, um einerseits gegen die einheimischen Jagd- und Handelsstrukturen verstärkt vorzugehen und andererseits den Wildtierbestand für zukünftige europäische Generationen zu schützen. Mit der 1903 erlassenen Jagdschutzverordnung wurde einerseits der Grundstein für den Wildschutz gelegt, doch es waren in erster Linie die einheimischen Jäger und ihre Jagdpraktiken, die kritisiert und unterbunden wurden.[21] Es war nun nur noch mit teuren Lizenzen möglich, Elefanten zu jagen, wodurch die Jagd zunehmend zu einem Vorrecht und Herrschaftsinstrument der weißen Kolonisierenden wurde: Die Großwildjagd z.B. auf Elefanten wurde zu einem prestigeträchtigen Vorrecht weißer Europäer. Sie etablierte sich als veritabler Tourismuszweig, der den Export der Trophäen in die Herkunftsländer der Jäger einschloss. Außerdem wurden Fotografien der erfolgreichen Jäger sowie ihrer Beute zu einem beliebten Souvenir und Motiv, das den europäischen Imperialismus in Szene setzte.
Eine solche Fotografie stellt „Elefantenjagt Südwest-Afrika“[22] (Abb. 3) dar. Zentral im Bild steht ein selbstbewusst und entspannt in die Kamera blickender Mann. Die hellen Farben seiner europäischen Bekleidung heben ihn vom Hintergrund ab und unterstreichen den Kontrast zwischen ihm und den dunkelhäutigen Männern im Hintergrund. Lässig hängt ihm eine Zigarette aus dem Mund und das Gewehr vom Arm, eine Hand steckt in der Hosentasche. Ausgestattet ist er außerdem mit einem Fernglas als Symbol der klaren Sicht, aber auch des technischen Fortschritts. Der Hut auf seinem Kopf verdeckt die Hälfte seines Gesichts. Zu seinen Füßen liegt der, vermutlich durch ihn, erlegte Elefant. Der Mann verkörpert durch seine maskulin konnotierte Pose und Stellung im Bild die Macht sowie die vermeintliche zivilisatorische Überlegenheit der Kolonialherren. Als weißer Jäger[23] und Sieger über die fremde Natur repräsentiert er nicht bloß seinen eigenen Erfolg oder den des Militärs bzw. den der europäischen Einwanderer. In diesem Bild ist er ein Symbol der Kolonialherrschaft, die er durch seinen Jagderfolg legitimiert und inszeniert.
Die einheimischen Männer tragen als Waffen Speere bei sich, die ihre Körpergröße um einiges überragen. Dies lässt sie zusätzlich zu ihrer Position weiter hinten im Bild kleiner wirken, verglichen mit dem weißen Mann im Zentrum. Verstärkt wird dieser Gegensatz noch zusätzlich durch ihrer (fehlenden) Bekleidung. Die beiden Männer rechts sind nackt abgebildet, einer von ihnen frontal, sodass sein unbekleideter Zustand dem*der Betrachter*in zweifellos ins Auge sticht. Ein Fell befindet sich auf den Schultern des zweiten Mannes. Somit wird dem*der Betrachter*in suggeriert, dass diese Menschen nicht in das Bild einer zivilisierten Gesellschaft nach europäischen Standards passen. Sie werden als sogenannte Wilde stigmatisiert, die in enger Verbundenheit mit der Natur stünden und ähnlich wie Tiere keine Scham bezüglich ihrer Sexualmerkmale hätten. Dadurch wird ein Hierarchiegefälle geschaffen, in dem die europäische Lebensweise als der einheimischen überlegen dargestellt wird.
Die Anordnung der verschiedenen Bildebenen bringt deutlich die kolonialen Hierarchien zum Ausdruck. Durch die Komposition der Fotografie wird impliziert, dass die vorderen Personen wichtige Figuren in der Erlegung der Elefanten sind. Die beiden weißen Männer werden dabei bewusst von den einheimischen Männern im Hintergrund getrennt. Zwischen ihnen erkennt man ebenfalls ein Machtverhältnis, da der Mann in der Mitte des Bildes durch die Komposition als Führungsperson gezeigt wird. Er schaut direkt und gelassen in die Kamera, während der andere weiße Mann, an der linken Seite des Fotos platziert, ihn anguckt und so auch den Blick des*der Betrachter*in auf ihn lenkt. Der im Zentrum stehende Weiße wird damit klar als Schütze in Szene gesetzt. Erhöht durch seine Stellung auf dem Elefanten sehen wir einen durch seine dunkle Haut eindeutig den Einheimischen zugeordneten Mann, der allerdings ähnlich gekleidet ist wie die europäischen Jäger. Wie sie trägt er eine helle Uniform und hält eine Waffe in der Hand. Die Kopfbedeckung unterscheidet sich allerdings von der der Weißen. Es handelt sich hierbei um die offizielle Uniform sogenannter farbiger Soldaten der Schutztruppe. Der Mann repräsentiert also durch seine Kleidung und Körpersprache die neue Ordnung, welche durch die deutsche Kolonialmacht angeleitet worden ist, nun aber von den Einheimischen angeblich angenommen worden sei, um sie auf ein höheres zivilisatorisches Niveau zu heben. Dennoch bleibt er den Deutschen auf dem Bild nachgeordnet. Er soll den vermeintlichen Erfolg der Zivilisierungsmission demonstrieren und damit eine Legitimierung für die deutsche Kolonisation verkörpern.

Die Auseinandersetzung mit Fotografien ist ein unentbehrlicher Teil der historischen Aufarbeitung der Kolonialzeit. Neben der Erschließung von Ereignissen verraten uns diese Bilder viel darüber, wie durch die Selbstinszenierung Ideologien und Herrschaftsstrukturen repräsentiert und reproduziert wurden. Gewiss liegt es nun an uns, die Sprache, die einerseits Spiegelbild einer kolonialistisch denkenden Gesellschaft darstellt, andererseits den kolonialen Diskurs verstärkte und stützte, zu entziffern. Die Arbeit hört allerdings keineswegs dort auf: An uns liegt es auch, die daraus resultierenden Erkenntnisse auf die Gegenwart zu projizieren. Noch ist die Wirkmächtigkeit der Bildsprache nämlich nicht ausgestorben.
[1] Jäger, Jens: Fotografie und Geschichte (Historische Einführungen, Bd. 7) Frankfurt/New York, 2009, S. 7.
[2] Jäger, S. 169.
[3] Osterhammel, Jürgen: Vom Umgang mit dem „Anderen“. Zivilisierungsmissionen in Europa und darüber hinaus, in: Ders.u.a. (Hg.): Das Zeitalter des Kolonialismus, Darmstadt 2007, S. 46-53
[4]Hall, Stuart: Das Spektakel des „Anderen“. In: Ders.: Ideologie, Identität, Repräsentation. Ausgewählte Schriften 4. Hamburg 2004, S. 153.
[5]Schubert, Michael: Der schwarze Fremde. Das Bild des Schwarzafrikaners in der parlamentarischen und publizistischen Kolonialdiskussion Deutschland von den 1870er bis in die 1930er Jahre. Stuttgart 2003, S. 71-76.
[6] Jäger, Jens: Bilder aus Afrika vor 1918. Zur visuellen Konstruktion Afrikas im europäischen Kolonialismus, in: Paul, Gerhard (Hg): Visual History. Ein Studienbuch. Göttingen 2006, S. 143-144.
[7] Gründer, Horst/Hiery, Hermann: Zur Einführung. In: Dies. (Hg).: die Deutschen und ihre Kolonien. Ein Überblick. Berlin 2017, S. 9-26, hier S. 16.
[8] Conrad, Sebastian: Deutsche Kolonialgeschichte, 3. Auflage. München 2016, S. 31.
[9] Gründer, Horst: Geschichte der deutschen Kolonien, 5. Auflage. Paderborn, München, Wien, Zürich 2004, S. 154.
[10]Becker, Felicitas; Beez, Jigal (Hg.): Der Maji-Maji Krieg in Deutsch-Ostafrika 1905-1907. Berlin 2005, S. 79.
[11]Speitkamp, Winfried: Die deutschen Kolonien in Afrika. In: Gründer, Horst/ Hiery, Hermann (Hg.): Die Deutschen und ihre Kolonien. Ein Überblick. Berlin-Brandenburg 2018, S. 65-88, hier S. 79.
[12] Speitkamp, S. 87.
[13] Conrad, Sebastian: Deutsche Kolonialgeschichte, S. 31.
[14] Speitkamp, Winfried: Deutsche Kolonialgeschichte. Ditzingen 2005 (aktualisierte und erweiterte Ausgabe 2021), S. 110 ff. s.o.
[15] Gründer, S. 158.
[16] Gründer, S. 158.
[17] Gissibl, Bernhard: Jagd und Herrschaft. Zur politischen Ökologie des deutschen Kolonialismus in Ostafrika. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 56/6 (2008), S. 501-520, hier S. 505.
[18]Saviello, Alberto (Hrsg.) u. a.: schrecklich schön. Elefant – Mensch – Elfenbein. München 2021, S. 184.
[19] Gissibl, S. 508, 513.
[20] Udo E. O. Riedel: Großwildjagd in Deutsch-Ostafrika im Zeitraum 1891-1916: Eine Untersuchung aus sozialwissenschaftlicher Perspektive. Paderborn Univ. Diss. 2004, S. 92.
[21] Gissibl, S. 516-518.
[22] Die geografische Zuweisung der Bildbeschreibung erscheint bei Betrachtung der Abgebildeten, die die Uniformen aus Deutsch-Ostafrika tragen, zweifelhaft. Auch Ulrich Menter verweist darauf, dass es sich vermutlich um eine Fotografie aus Deutsch-Ostafrika handelt. Vgl.: Menter, Ulrich: „Fortschritt im Tropenland“ – Koloniale Fotografie aus Westafrika. Eine Sammlung von Glasdiapositiven im Lippischen Landesmuseum Detmold, in: Bernhardt, Günter (Hg.): Die Ferne im Blick. Westfälisch-Lippische Sammlungen zur Fotografie aus Mission und Kolonie, Münster 2006, S. 157-171; hier: S. 160 f.
[23] Zur Thematik des weißen Jägers und der Rolle der Maskulinität in der Großwildjagd s.a.: Riedel, S. 112.