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Allagabo Timm in Minden

Bereits in der frühen Neuzeit schmückten sich wohlhabende Adelsfamilien in Deutschland und anderen europäischen Ländern gerne mit afrikanischen Pagen und Bediensteten als Statussymbolen, und diese Tradition blieb bis ins 19. Jahrhundert ungebrochen und wurde sogar von Bürgerlichen adaptiert.[1] Im kurzen deutschen Kolonialzeitalter zwischen 1884 bis 1914 stammten viele afrikanische Bedienstete aus den deutschen Kolonien Kamerun, Togo, Deutsch-West- und Ostafrika.[2] Insbesondere Unternehmer und Händler brachten gerne Menschen anderer Hautfarbe als Mitbringsel, eine Art Trophäe, nach Europa mit. Auch deutsche Missionar*innen und Forscher führten Afrikaner*innen nach Deutschland. Einer von ihnen war Allagabo Timm. Er wurde von dem Naturwissenschaftler Georg Schweinfurth[3] „mitgenommen“ und bei dessen angeheiratetem Verwandten, dem „Afrikaforscher“ und Mediziner Gerhard Rohlfs[4], untergebracht.

Der “Afrikareisende” Georg August Schweinfurth um 1868. Die Bildunterschrift lautet: “Dr. Georg August Schweinfurth. Nach einer Photographie von Milster in Berlin.”

Schweinfurth hielt sich des Öfteren in den Handelsniederlassungen arabischer Elfenbein- und Sklavenhändler auf und reiste in Karawanen mit. Im Frühjahr 1869 wurden ihm von seinen Geschäftspartnern drei Sklavenjungen als Bedienstete überlassen. Die genauen Gründe für die Überlassung sind unbekannt. Diese Jungen waren Giabar und Amber (über die kaum Informationen vorliegen) sowie Allagabo Timm.[5] Während Allagabo Timm aus der Gemeinschaft der Bongo stammte, ist über die Herkunft der beiden anderen Jungen nichts bekannt. Allagabo hatte zum Zeitpunkt seiner Übergabe an Schweinfurth schon länger in Gefangenschaft gelebt: der ursprünglich nach der Mimosenart ‚Lebbe‘ benannte Junge war schon als Kind aus seinem Dorf entführt und in ‚Tihm‘ umbenannt worden, was so viel wie ‚Baum‘ bedeutet. Später erhielt er von einem arabischen Sklavenhändler den Beinamen ‚Allagabo‘, was ‚Gottesgeschenk‘ bedeutet.[6]

Im Gegensatz zu den beiden anderen Jungen nahm Schweinfurth Allagabo Timm mit, zum Andenken an „manches Vergangene“, wie er seiner Mutter am 18.11.1871 schrieb.[7] In seinen Aufzeichnungen erwähnte er gelegentlich den Jungen und betonte, dass Allagabo Timm sich nun in einer glücklichen Position befände. Er habe Allagabo bei sich behalten und plante ihn mit nach Deutschland zu nehmen, weil „er von Vielen, Vielen der bei weitem Intelligenteste zu sein schien und in dem passenden Alter sich befindet sowohl sich zu akklimatisieren als auch zu zivilisieren.“[8] Nach drei Jahren in seiner Gesellschaft, in denen die beiden durch verschiedene Teile Afrikas, darunter Ägypten, gereist waren, habe Allagabo seine ursprüngliche Heimat fast vergessen, schrieb Schweinfurth 1871 an seine Mutter. [9] Allerdings war es Schweinfurth nach der Rückkehr nach Deutschland nicht möglich, Allagabo weiterhin in seiner Obhut zu behalten. Deshalb beauftragte er Rohlfs, den Mann seiner Nichte, mit dem er in regelmäßigem Briefverkehr stand, Allagabo bei sich in Weimar aufzunehmen. Die finanzielle Verantwortung für Allagabo Timms Unterhalt lag jedoch weiterhin bei Georg Schweinfurth. Es scheint, dass Schweinfurth, als er später in finanzielle Schwierigkeiten geriet, versuchte, sich dieser Verpflichtung zu entziehen. In einem Brief aus dem Jahr 1877, den er aus Kairo an Rohlfs schickte, schrieb er:

„Mit Allagabo sehe ich in Zukunft immer noch keine Pläne auftauchen. Als Schwarzer wird er nie in die deutsche Arbeitswelt hineinpassen. Hier erfordert seine neue Installierung neue Geldopfer […]. Wo ich noch das eigene Geld auftreiben werde, ist mir ein Rätsel. – Den Betrag, den ich Dir für Allagabo schulde, werde ich Dir entweder von Köln oder von Leipzig aus zusenden lassen.“[10]

Die Ansichtskarte zeigt die sog. “Fischerstadt” in Minden am linken Weserufer um 1900.

Der weitere Lebensweg von Allagabo Timm nach seiner Taufe in Weimar[11] ist aus den Quellen nicht genau rekonstruierbar.[12] Nachdem er eine Weile in Hamburg die Schule besucht hatte, erreichte er Minden, was durch einen Eintrag im Anmelderegister von 1885 oder 1886 belegt ist. Er lebte zunächst beim einem Herrn Menzel, der Aussteller und Reisender war. Wir können nur mutmaßen, ob dieser Allagabo als exotisches Ausstellungsobjekt im Rahmen von völkerschauähnlichen Veranstaltungen einsetzte. Im Jahr 1888 war er dann bei dem Materialwarenhändler W. Kreimeier in Minden gemeldet.[13]Anschließend scheint er aus Minden abgereist zu sein, kehrte aber laut dem Briefwechsel zwischen Seidel (einem Lehrer Allagabos) und Rohlfs 1889 wieder dorthin zurück, bevor er sich im folgenden Jahr endgültig abmeldete.[14] Fünf Jahre später ist sein Tod durch einen Brief Schweinfurths an Rohlfs aus Kairo belegt:

„Ich war heute mit der Erbgroßherzogin Pauline bei den Pyramiden, und sie unterhielt sich viel mit mir, wobei namentlich von Dir die Rede war… Von der Frau Erbgroßherzogin erfuhr ich heute, dass Allagabo im vorigen Jahr gestorben sein soll, und dass er rührende Briefe an seine durchlauchten Paten gerichtet haben soll. Er scheint am Trunk zu Grunde gegangen zu sein. – Ob das wohl stimmt?“[15]

Zum Zeitpunkt seines Todes dürfte Allagabo ca. 30 Jahre alt gewesen sein.


[1] Anne Kuhlmann-Smirnov: Schwarze Europäer im alten Reich: Handel, Migration, Hof. Göttingen 2013, S. 60.

[2] Robbie Aitken: Black Germany. Zur Entstehung einer Schwarzen Community in Deutschland, in: Aus Politik und Zeigtgeschichte, Bundeszentrale für politische Bildung, 18.03.2022, https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/schwarz-und-deutsch-2022/506169/black-germany/#footnote-target-10 (zuletzt abgerufen am 09.02.2024).

[3] Georg Schweinfurth, am 29.12.1836 in Riga geboren, studierte Naturwissenschaften und reiste zwischen 1864 und 1866 zum ersten Mal nach Ägypten. Später tat er sich bei der Erforschung des Stromgebiets des Bahr al-Ghazal (einer Region im Sudan) am oberen Nil hervor. 1875 gründete er die geographische Gesellschaft in Kairo. Am 19.09.1925 verstarb er in Berlin. Van der Heyden, Ulrich; Gnettner, Horst (Hg.): Allagabo Tim. Der Schicksalsweg eines Afrikaners in Deutschland, Berlin 2008, S. 26-29.

[4] Gerhard Rohlfs wurde am 14. April 1831 in einem Stadtteil von Bremen geboren. Obwohl er von 1852 bis 1853 Medizin studierte, erlangte er nie einen Abschluss in diesem Fach. Im Jahr 1855 trat er der französischen Fremdenlegion in Algerien bei und erlernte die arabische Sprache. Im Jahr 1861 tarnte er sich als gläubiger Moslem und wurde vom Sultan zum Oberarzt der marokkanischen Armee ernannt. Bekannt wurde er durch seine ausgedehnte Afrikareise von 1865 bis 1867. Ab 1884 war er als Kolonialbeamter in Sansibar tätig. 1885 wurde er jedoch aus dem Dienst abberufen kehrte nach Deutschland zurück. Bereits im Jahr 1870 hatte er eine Nichte von Georg Schweinfurth geheiratet und mit ihr eine gemeinsame Wohnung in Weimar, in der später auch Allagabo Timm lebte. Rohlfs verstarb am 2. Juni 1896 bei Godesberg. Vgl.: Van der Heyden, Ulrich; Gnettner, Horst (Hgg): Allagabo Tim. Der Schicksalsweg eines Afrikaners in Deutschland, Berlin 2008, S. 29-33.

[5] Ebd. S. 21.

[6] Ebd. S. 21.

[7] Schweinfurth an seine Mutter, 18.11.1871, in: Van der Heyden, Ulrich; Gnettner, Horst (Hg.): Allagabo Tim, S. 37.

[8] Schweinfurth an seine Mutter, 21.12.1871, in: Gnennter, Horst: Tim Allagabo. Der Mohr von Weimar. Das Schicksal eines Bongo-Negers geschildert anhand von Briefen der Afrikaforscher Gerhard Rohlfs. Bremen 2002, S. 8f.

[9] Schweinfurth an seine Mutter, 18.11.1871, in: Van der Heyden, Ulrich; Gnettner, Horst (Hg.): Allagabo Tim, S. 37.

[10] Schweinfurth an Rohlfs,12.01.1877, in: Van der Heyden, Ulrich; Gnettner, Horst (Hg.): Allagabo Tim, S. 77.

[11] Bielefelder Wochenblatt, 25.07.1874.

[12] Zwischen 1883 und 1888 wurde er in der Korrespondenz zwischen Rohlfs und Schweinfurth nicht erwähnt, siehe Van der Heyden, Ulrich; Gnettner, Horst (Hg.): Allagabo Tim, S. 35.

[13] Rohlfs an Schweinfurth, 18.1.188, in: Van der Heyden, Ulrich; Gnettner, Horst (Hg.): Allagabo Tim, S. 110

[14] Seidel an Rohlfs, 14.01.1889, in: Van der Heyden, Ulrich; Gnettner, Horst (Hg.): Allagabo Tim, S.111.

[15] Schweinfurth an Rohlfs, 16.2.1896, in: Van der Heyden, Ulrich; Gnettner, Horst (Hg.): Allagabo Tim, S. 112.

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Mpondo Akwa in Paderborn

Nicht alle afrikanischen Kinder, die in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts nach Deutschland gebracht wurden, erfuhren dieses Schicksal gegen ihren Willen. Manche wurden auf ausdrücklichen Wunsch ihrer Eltern dorthin geschickt. Diese Eltern gehörten oft zur wohlhabenden Elite in Kamerun und Togo und strebten für ihre Kinder eine gehobene Bildung im kolonialen Mutterland an. Dies traf auf den ca. 1879 in Douala[1] (Kamerun), geborenen Mpondo Akwa, den Sohn des Königs Dika Akwa, zu.[2] Im Jahr 1888 wurde er im Alter von ungefähr neun Jahren nach Paderborn geschickt. Dies geschah gemeinsam mit drei anderen Jungen, die von Regierungssekretär Franz Anton Schran[3] nach Deutschland gebracht wurden. In Paderborn besuchte Mpondo Akwa als Schüler eines Pensionats die ‚Höhere Bürgerschule‘ von Heinrich Reismann und später eine Privatschule.[4] Er wurde zu einem angesehenen Gast der Oberschicht in der Stadt und ihrer Umgebung.[5] Jedoch wurden er und die anderen Jungen auch häufig verspottet und verhöhnt. Kurz nach ihrer Ankunft kam es sogar zu tumultartigen Auseinandersetzungen, wenn die kamerunischen Jungen von den Bürgern und Bürgerinnen betrachtet wurden. Eine Ausgabe des Westfälischen Volksblatts vom 15.06.1888 spekulierte sogar, dass die Jungen sich angesichts des Verhaltens der Paderborner als überlegene Menschen fühlen müssten, obgleich sie doch Wilde seien.[6]

Auf der ersten Schule, die er besuchte, fühlte Mpondo Akwa sich nicht wohl. Die Lehrer an der Reismannschule hielten ihn für arrogant, da er oft schlecht gelaunt gewesen sei. Infolgedessen bat er seinen Vater, für einen Schulwechsel zu sorgen, und zwar an eine Privatschule in Rheindahlen.[7] Einer seiner Lehrer hier vermutete, dass die früheren Lehrer*innen von Mpondo Akwa an der Reismannschule ihn möglicherweise zu rasch als stolz und arrogant eingeschätzt hätten. In seiner neuen schulischen Umgebung dagegen blühte der Prinz auf und erzielte herausragende schulische Leistungen.[8]

1893 kehrte Mpondo Akwa über Kiel nach Douala zurück, wo er auf Grund seiner Auslanderfahrungen für seine ethnische Gemeinschaft eine Berühmtheit darstellte.[9] Zeitweise arbeitete er als Übersetzer für die deutsche Regierung. Allerdings machte er sich rasch Feinde in der deutschen Kolonialverwaltung. So kritisierte er z.B., dass die einheimische Bevölkerung für „ein jedes geringes Vergehen in Zivil- oder Strafprozessen mittels einer Seekuhpeitsche oder eines dicken in Kohlenteer eingetauchten und im scharfen Sande (umhüllten) und steifgetrockneten Tau ohne Rücksicht der Person mit 25 Hieben gepeitscht“[10] wurde. Auf Grund der Kritik wurde Mpondo Akwa von Siedler*innen verfolgt, und wegen Meinungsverschiedenheiten kündigte er seine Stelle bei der Kolonialverwaltung.[11] Im Jahr 1898 dann wurde ihm vorgeworfen, einen Aufstand gegen die Kolonialregierung angezettelt zu haben.[12] 1902 kehrte Mpondo Akwa nach Deutschland zurück, um dort über die Widerstände gegen das Kolonialsystem in Kamerun zu berichten.[13] Hierbei griff er auf den Rechtsweg zurück.[14] Später wurde er mehrfach inhaftiert, z.B. wegen angeblichen Kreditbetrugs,[15] und seine Familie konnte ihn nur noch heimlich finanziell unterstützen.[16] Im Jahr 1911 reiste Mpondo Akwa wieder nach Douala, wo er von seinen Landsleuten als künftiger Herrscher empfangen wurde, der das Land von deutscher Herrschaft befreien und die britische Autorität wiederherstellen sollte.[17] Gouverneur Theodor Seitz betonte wiederholt anlässlich Petitionen[18] und Gerichtsverfahren in Deutschland, dass sowohl Mpondo Akwa als auch sein Vater eine ernsthafte Gefahr für die deutsche Herrschaft in Douala darstellten, auch auf Grund ihrer wirtschaftlichen Pläne zur Zentralisierung von Handel und Landwirtschaft in der Küstenregion. Politisch strebte Mpondo Akwa nicht die vollständige Abschaffung des Kolonialsystems an, sondern setzte sich für eine Verwaltung ein, die durch die schrittweise Einbindung lokaler Vertreter in die Entscheidungsfindung gekennzeichnet sein sollte. Seine Vorstellung von einem unabhängigen Douala-Staat, der die präkoloniale Vorherrschaft über benachbarte ethnische Gruppen wiederherstellen sollte, blieb Vision.[19]

Mpondo Akwa als entschiedener Gegner der Siedler*innen erlangte lokale Berühmtheit. Seine steigende Beliebtheit bei der einheimischen Bevölkerung basierte nicht nur auf seinem königlichen Status, sondern auch auf seinen rechtlichen und politischen Erfolgen in Deutschland.[20] Diese waren wohl auch der Grund, warum er von der deutschen Kolonialregierung wegen verdächtiger Spendenaktionen und seiner politischen Haltung genauer untersucht wurde. In Mpondo Akwas Palast wurden Briefwechsel gefunden, die nicht nur seine Kritik am deutschen Kolonialismus belegen, sondern auch Pläne zum Sturz von Gouverneur von Puttkamer sowie Verbindungen zu deutschen Parlamentariern wie Mathias Erzberger und August Bebel, bekannte Kritiker des deutschen Kolonialregimes.[21] Im Jahr 1911 wurde der König daraufhin enteignet. Diese Behandlung führte wiederum zu Unruhen in Douala und schließlich am 22. September 1911 zu seiner Verhaftung, zusammen mit seinem Vater. Grundlage für diese Verhaftung waren falsche Anschuldigungen seines Bruders, Chief Dibusi Dikas, der behauptete, Mpondo Akwa habe Waffen mitgebracht, um einen Aufstand zu provozieren und Kamerun an die Briten zu übergeben. Angeblich habe er auch Kontakt zum britischen König Edward aufgenommen, um eine britische Übernahme von Kamerun zu unterstützen. Mpondo Akwa wurde im Sommer 1912 zu einer achtmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt, die er in einem Kolonialgefängnis in Banyo an der Grenze zu Nigeria absitzen sollte. Nach einem fehlgeschlagenen Fluchtversuch im April 1913 wurde der Prinz von Banyo nach Ngaoundéré[22] verbracht und im Juni desselben Jahres zu weiteren drei Jahren Gefängnis verurteilt. Er überlebte die Gefangenschaft nicht: 1914 wurde er von seinen Bewachern erschossen, angeblich bei einem erneuten Fluchtversuch. Mpondo Akwa stellt bis heute einen wichtigen Kameruner Erinnerungsort für den Widerstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft dar. [23]


[1] „Douala“ bezieht sich auf die Hafenstadt, während „Duala“ auf die Gruppe von Kaufleuten hinweist, die dort ansässig waren. Das Hamburger Fremdenblatt berichtete im Jahr 1905, dass Mpondo im Jahr 1874 geboren worden war. In der Alphabetischen Meldekartei Groß-Altona wurde jedoch das Jahr 1879 als Geburtsjahr angegeben. Siehe: The Story of Mpondo Akwa (1905): Background to the Trial, 16.10.2006, http://www.peuplesawa.com/fr/bnnews.php?nid=468&vip=603&sites=0 (Promoter der Seite: Metusala Dikobe) .

[2] Aitken, Robbie: Black Germany. Zur Entstehung einer Schwarzen Community in Deutschland. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 12: Schwarz und Deutsch, 18.03.2022, https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/schwarz-und-deutsch-2022/506169/black-germany/(zuletzt abgerufen am 11.10.2023).

[3] Siehe Blogbeitrag zu Franz Anton Schran von Aminah Schneider.

[4] Eberhardt, Jonas: „Schwarze Menschen“ aus Afrika in Paderborn in der Zeit des Kolonialismus. In: Die Warte. Heimatzeitschrift für die Kreise Paderborn und Höxter 195(2022), S. 5 – 9 bis, hier S. 6.

[5] Ebd.

[6] Westfälisches Volksblatt, 15.06.1888.

[7] Nyada, Germain: Mpondo Akwa Nya Bonambela (1875-1914) or how to shape colonial amnesia, Kamerun 2022, S. 388.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] Aus den Stenographischen Berichten über die Verhandlungen des Reichstags, 11. Legislaturperiode, 4. Anlageband, 21. Sitzung, Berlin 20.03.1906, S. 2170 (B), online einzusehen via: https://daten.digitale-sammlungen.de/~db//bsb00002826/images/index.html?id=00002826&groesser=&fip=eayayztsewqeayaxssdasyztsqrseayaxs&no=&seite=00377&koordinaten=x1:90×2:65y1:93y2:66—x1:74×2:70y1:77y2:71—x1:62×2:74y1:65y2:75—x1:85×2:74y1:88y2:75 (zuletzt abgerufen am 09.10.2023)

[11] Nyada: Mpondo Akwa Nya Bonambela, S. 389.

[12] Ebd.

[13] The Story of Mpondo Akwa (1905): Background to the Trial.

[14] Oguntoye, Katharina: Prekäre Subjekte – Die afrikanische Diaspora in Deutschland vom 18. Jahrhundert bis zum Nationalsozialismus, in: Freiburg-Postkolonial.de, online verfügbar via: https://www.freiburg-postkolonial.de/Seiten/2009-Oguntoye-afrikanische-Diaspora.htm (zuletztabgerufen am 09.10.2023).

[15] Nyada: Mpondo Akwa Nya Bonambela, S. 389.

[16] Ebd.

[17] Viele Menschen betrachteten die britische Verwaltung als die bessere Option, da sie die Verwaltungspraktiken in den angrenzenden britischen und französischen Kolonien als weniger belastend empfanden. Vgl.: Authaler, Caroline: Das völkerrechtliche Ende des Deutschen Kolonialreichs. Globale Neuordnung und transnationale Debatten in den 1920er Jahren und ihre Nachwirkungen, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 69 (2019) 40-42, S. 4 – 10, hier S. 8.

[18] Der Prinz war Teil einer Delegation, die beabsichtigte, persönlich Kaiser Wilhelm II. zu treffen. Sie planten, ihn über ihre vollständige Ablehnung des kolonialen Systems in Kamerun zu informieren. Im Rahmen dieser Bemühungen reichten sie eine Petition ein, die von 28 Häuptlingen der Akwa-Familie unterzeichnet war. Vgl.: Germain, S. 389. In der Petition wiesen sie auf Ungerechtigkeiten und Brutalitäten von Puttkamers hin, darunter die bereits erwähnten Stockschläge sowie der Kauf von Mädchen aus ihren Familien. Die Petition forderte ein Ende dieser Praktiken. Als von Puttkamer von der Petition erfuhr, erhob er Anklage wegen Verleumdung und Beleidigung gegen die Unterzeichner, die daraufhin in Untersuchungshaft genommen wurden. Aus den Stenographischen Berichten über die Verhandlungen des Reichstags, 11. Legislaturperiode, 4. Anlageband, 70. Sitzung, Berlin 29.03.1906, S. 2137 (C).

[19] Nyada: Mpondo Akwa Nyae Bonambela, S. 395.

[20] Ebd.

[21] Ebd.

[22] Ngaoundéré ist eine Stadt im Zentrum Kameruns, Hauptstadt der Region Adamawa. Sie wurde 1901 von den deutschen Kolonialtruppen besetzt.

[23] 1919 sammelte ein nigerianischer Seemann in Britisch-Guayana Geld mit der Behauptung, Mpundo Akwa zu sein, vgl. Nyada: Mpondo Akwa Nya Bonambela, S. 395f.

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Die dunkle Seite des Liborifests: Völkerschauen in Paderborn

Im Sommer 2023 feierte das Liborifest in Paderborn sein 500-jähriges Jubiläum und lockte 1,6 Millionen Gäste mit einer Vielfalt an Fahrgeschäften, kulinarischen Angeboten und musikalischen Elementen an. Den wenigsten Besucher*innen dürfte bewusst gewesen sein, dass bis in die 1930er Jahre auch sog. „Völkerschauen“ regelmäßiger Bestandteil des Liborifests waren, die als rassistisches und menschenverachtendes Unterhaltungsprogramm in Paderborn ebenso wie in zahlreichen anderen deutschen Städten stattfanden. Erst mit dem wachsenden Interesse an der historischer, kolonialer Verflechtungen in der Geschichte wird dieses Phänomen vor Ort genauer untersucht, um ein dunkles Kapitel in der Geschichte des Liborifest aufzuarbeiten. Dabei ergänzt dieser Artikel die Ergebnisse des Aufsatzes „Die Liborikirmes“ von Andreas Gaidt aus dem Sammelband „500 Jahre Libori“.[1] 

Die „Wilden“ auf dem Liborifest

Die erste Ausstellung „exotischer“ Menschen auf dem Liborifest fand bereits im Jahr 1831 statt. Werbung für die Veranstaltung findet sich in der Zeitung „Paderbornsches Intelligenzblatt“ vom 23. Juli 1831. Der Schausteller C. R. Prins aus dem niederländischen Groningen stellte neben Menschen aus fernen Weltregionen auch ein „holländisches Bauernmädchen aus Montfoord“ sowie ein Nilkrokodil aus. Zudem wurden „seltene“ ethnografische Gegenstände aus „Ost- und Westindien“ sowie aus Brasilien ausgestellt, und eine „kupferfarbige Frau von Tenekeker“. Sie stammte von den Selebischen Inseln (heute Sulawesi in Indonesien), die Teil des niederländischen Kolonialreichs waren. Die Frau habe in „allen größeren Hauptstädten“[2] für Verwunderung gesorgt. Möglicherweise spielte die Werbung damit auch auf Wunsch der in der Provinz lebenden Menschen an, nicht provinziell zu sein, sondern die gleichen Attraktionen zu sehen zu bekommen wie die Großstädt*innen. Außerdem wurden in der Annonce „Naturforscher“ angesprochen, um die Schaulust der Zuschauer*innen durch einen Bezug zur Wissenschaft zu legitimieren. Ob die ethnografischen Gegenstände nur als Schauobjekte benutzt wurden oder als Requisite in einer Schau Verwendung fanden, bleibt unklar.[3] Die Schau fand „hinter dem Fürsten Hofe am Dome“ statt: Eine Unterscheidung zwischen dem kirchlichen und dem kulturellen Teil der Liborikirmes gab es noch nicht.

Ein sog. „Raubtier-Schaugeschäft“ auf der Liborikirmes im Jahr 1938. Unter der Werbetafel mit Jagdszenen steht: „Mit Trommeln und Kriegsgeschrei auf zur Löwenjagd in den ehem. deutschen Kolonien Ost- und Südwest-Afrika.”

Die zweite Völkerschau auf dem Liborifest fand 1835 statt, wie das Paderbornsche Intelligenzblatt vom 25. Juli 1835 belegt. Die Schaustellerin Emma Weinance stammte aus der niederländischen Stadt Bergen op Zoom.[4] Zudem wurde ein „National-Bokkenee“ aus Macassar (in der heutigen indonesischen Region Südsulawesi) beworben. Angeblich wurde dieser in einem dreistündigen Gefecht von Kolonialtruppen besiegt, gefangen genommen und als Sklave verkauft, wobei die Narben der Kämpfe auf seinem Körper noch zu sehen seien – dadurch wird auf die vermeintliche Gefährlichkeit des ausgestellten Mannes verwiesen. Die Beschreibung bediente gleichzeitig die Bedürfnisse der Zuschauer*innen, indem sie den Ausgestellten als „Wilden“ inszenierte, der durch die Kolonialtruppen der Zivilisation zugeführt worden sei. Es erfolgte somit eine Legitimation des Kolonialismus, die durch weitere Aspekte der Inszenierung noch verstärkt wurde: Seine Kinder und Frau seien ebenfalls gefangen genommen worden, wobei letztere allerdings bereits aufgrund der klimatischen Bedingungen verstorben sei – ein Schicksal, das den ausgestellten Menschen oft auf ihren Reisen ereilte, auch auf Grund von Krankheiten, gegen die sie keine Immunitäten mitbrachten.[5] Nun kümmere sich der Bokkenee liebevoll um seine Kinder – was im Gegensatz zu den barbarischen Eigenschaften steht, die die Zuschauer*innen erwartet hätten. Die Ausgestellten würden „Reis mit spanischem Pfeffer und Fisch“ verzehren – für das Publikum „exotische“ Speisen, die den Reiz des Fremden noch erhöhen sollten. Bei manchen Völkerschauen wurden während der Show sogar Tiere zum Verzehr geschlachtet, was den Eindruck des „barbarisch Wilden“ unterstrich. Die Tochter allerdings, so die Werbeanzeige weiter, habe sich zum Christentum bekehrt, etwas Niederländisch erlernt und begleite ihren Gesang mit der Harfe. Hier wird der Anspruch deutlich, die „Exoten“ nicht etwa nur auszustellen, sondern ihnen gleichzeitig auch die überlegene Zivilisation und Kultur zu vermitteln. Dadurch wurde zum einen das Hierarchiegefälle zwischen den Westeuropäer*innen und den vermeintlichen Naturvölkern dargestellt und zum anderen erfolgte erneut eine Legitimation der kolonialen Praktiken.

1839 lässt sich eine dritte „Völkerschau“ auf Libori nachweisen, ebenfalls durch eine Anzeige im Paderbornschen Intelligenzblatt.[6] Der Schausteller Herkules H. Winter bewarb seine „große indianische, herculessche Vorstellung“, in der er auch das Bild vom „starken Wilden“ aufzeigte. Bereits zuvor waren Auftritte von Männern mit außerordentlichen Kräften ein fester Bestandteil auf Volksfesten, aber ergänzend nutze der Schausteller die Herkunft des Ausgestellten als weitere Besonderheit seiner Schau. Der aus der niederländischen Kolonie Napan (heutiges Indonesien) stammende Ausgestellte werfe eiserne Kanonenkugeln in die Luft und fange sie mit Brust und Rücken auf. An einer Stange hängend werde er sodann mit großem Gewicht behangen. Weil die Größe der Standplätze auf dem Domplatz nicht für die neu erbaute Bude ausreichte, fand die Vorstellung „vor dem Casseler Thore“ statt.

Erst 21 Jahre später weist der Anzeiger für den Kreis Paderborn vom 28. Juli 1860 auf eine weitere Völkerschau hin, zu der ein Schausteller namens Fr. Schneider auf den Liboriberg einlud. Schneider warb mit „fremde[n] (D. F.) und seltene[n] (D. F.) Menschen aus den entferntesten Theilen der Erde“. Erstens werde ein „Heliofobus“ ausgestellt, ein Mensch mit Albinismus aus Panama. Linné habe Menschen mit dieser Erbkrankheit als „entartetes Menschengeschlecht“[7] beschrieben – ein weiterer Bezug zur Naturwissenschaft. Genau beschrieb Schneider das Aussehen des Ausgestellten, insbesondere seine „rothe[n] und eckige[n] Augensterne“, mit denen er bei Nacht besser sehe als am Tag. Zweitens werde eine Indianerin aus der Botanie Bay (heute Australien) beim Gebrauch ihrer Waffen vorgeführt.[8] Sehr typisch für „Völkerschauen“ zeige die Indianerin außerdem „wie [sie] sich durch Singen und Tanzen in ihrer Heimath belustigen“. Je pittoresker diese Sitten und Bräuche waren und je mehr sie die Erwartungen des Publikums bedienten, desto eher war dieses bereit, sie als Ausweis von „Authentizität“ zu akzeptieren – völlig unabhängig davon, ob sie den tatsächlichen Lebensbedingungen der Ausgestellten in ihren Herkunftsländern entsprach oder nicht. Es wurden folglich hauptsächlich die Bilder in den Köpfen der Westeuropäer*innen als Maßstab für die Schauen genutzt, wodurch es weniger um ethnografische Betrachtungen ging als vielmehr um die Bestätigung der rassistischen Stereotype der Zeit: Die Schauen waren ein Konsumgut. Ganz in diesem Sinne kündigte die Werbung an, die Indianerin werde „lebendes Federvieh und rohe Wurzeln“ verzehren.

Völkerschauen nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871

Am  31. Juli 1875 wies eine Annonce im Westfälischen Volksblatt wiederum auf eine Ausstellung „Albinöserinnen aus Madagaskar“ im Alter von 19 und 21 Jahren hin, deren fast ein Meter lange[s] und „schneeweiße[s] Lusthaar“ neben den „blutrothe[n] Augenpupillen“ besonders hervorgehoben wurde. Der unbekannte Schausteller richtete seine Werbung an „Naturfreunde“, zu denen sicherlich auch viele Paderborner*innen, die nicht der winzigen naturwissenschaftlichen Elite der Stadt angehörten, sich gerne zählen wollten. Zuschauer*innen, die seine Darstellerinnen als „Fälschung“ entlarven könnten, bot der Werbende „1000 Thaler Belohnung“, um die Attraktivität weiter zu erhöhen.  

Die wohl bekannteste Völkerschau fand auf dem Liborifest 1893 statt. Der Schausteller Carl Lauschke warb sowohl im Westfälischen Volksblatt als auch im Paderborner Anzeiger für seine „Emin Pascha Shuli-Suaheli-Neger-Carawane“[9]. Die Überschrift „Zum ersten Male in Europa!“ hob das Sensationelle der Schau hervor. Anders als über die meisten Schausteller der Völkerschauen in Paderborn finden sich über Lauschke zusätzliche Informationen. Er war mit einer Mulattin verheiratet, womit das Stereotyp der sexuellen Anziehung „exotischer“ Menschen perfekt bedient wurde.[10] Seine Frau setzte Lauschke auf Volksfesten und Jahrmärkten als Kassiererin ein, um für Aufsehen zu sorgen. Daneben platzierte er auch einen dunkelhäutigen, mit Kriegsbemalung versehenen Darsteller als menschliche Werbung vor seiner Schaubude. Lauschke selbst blies durch eine Muschel und bewarb seine Schau lautstark, wobei er gängige Stereotype bediente:[11] Die Ausgestellten tränken kochendes Wasser, würfen mit Eiszapfen und verspeisten ein lebendes Kaninchen.

Eine Schießbude auf der Liborikirmes im Jahr 1963. Auf dem Bild der Fassade muss ein europäischer Großwildjäger Indigene vor einem Löwen beschützen.

Lauschke kündigte zudem „Darstellungen ihrer eigenthümlichen Kriegsführung“[12] an, „Keulen- und Schwerterspiele“ sowie „phantastisch wilde[n] Tänze und heimische[n] Gesänge“. Höhepunkt sei eine „große afrikanische Kriegscene“. Lauschke versammelte also gezielt solche Elemente, die dem europäischen Publikum die eigene Überlegenheit klar vor Augen führten. Der Preis für die Teilhabe an der Völkerschau betrug 50 Pfennig in bester Kategorie und 30 Pfenning in der zweitbesten, wodurch er für weite Teile der Bevölkerung erschwinglich war.

Ende der Völkerschauen in Paderborn

Für die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg lassen sich in Paderborn an die zehn Völkerschauen nachweisen – es könnten weitaus mehr gewesen sein, die jedoch nicht in den Zeitungen beworben wurden. Bemerkenswert ist, dass kein Schausteller mehr als eine „Völkerschau“ auf dem Liborifest veranstaltete. Das könnte ein Indikator dafür sein, dass die in den Großstädten überaus erfolgreichen „Völkerschauen“ im kleinen Paderborn längerfristig nicht den nötigen Ertrag abwarfen. Sie scheinen niemals so erfolgreich gewesen zu sein, dass ein Schausteller noch einmal wiederkam, und die Abstände zwischen den einzelnen Angeboten sind teilweise sehr lang. Das großstädtische Phänomen fand auf dem Paderborner Liborifest offensichtlich nicht die optimalen Standortbedingungen.

Ab den 1920er Jahren ist auf lokaler und nationaler Ebene ein Rückgang der Völkerschauen als Massenmedium erkennbar, eine Entwicklung, die vor allem dem neuen Medium Film geschuldet war, welches zunächst im Rahmen öffentlicher Kinovorstellungen gezeigt wurden. In Paderborn fanden im 20. Jahrhundert noch einige „Völkerschauen“ statt, allerdings als Teil von Zirkusvorführungen.  Als dann nach dem Zweiten Weltkrieg der zunehmende Massentourismus es den Menschen in Westeuropa ermöglichte, selbst in ferne Gegenden zu reisen, und das Fernsehen die Wohnzimmer eroberte, starb die „Völkerschau“ als Unterhaltungsmedium aus.


[1] Gaidt, Andreas: Die Liborikirmes, in: Gaidt, Andreas; Grabe, Wilhelm; Rade, Hans-Jürgen (Hg.): 500 Jahre Libori, Paderborn 2023, S. 154-209.

[2] Paderbornsches Intelligenzblatt, 23.07.1831.

[3] Thode-Arora, Hilke: Hagenbecks Europatourneen und die Entwicklung der Völkerschauen, Hagen 2012, S. 165.

[4] Paderbornsches Intelligenzblatt, 25.07.1835.

[5] Dreesbach, Anne: Gezähmte Wilde: Die Zurschaustellung “exotischer” Menschen in Deutschland 1870 – 1940, München 2005, S. 72.

[6] Paderbornsches Intelligenzblatt, 31.07.1839.

[7] Anzeiger für den Kreis Paderborn, 28.07.1860.

[8] Kampftechniken stellten ein häufiges Element der „Völkerschauen“ dar, vgl. Hilke, Thode-Arora: Hagenbeck. Tierpark und Völkerschau, in: Jürgen Zimmerer (Hg.): Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte, Frankfurt/New York 2013, S. 244 – 256, hier S. 249.

[9] Paderborner Anzeiger, 22.07.1893.

[10] Pape, Rainer (2000): Von der preußischen Garnison zur Schaustellerstadt – Aus der Geschichte der Herforder “Künstler”, in: Der Remensnider. – 85/86 = Jg. 22, Herford 1994, S. 75 – 168, hier S. 115.

[11] Eberhardt, Jonas: „Schwarze Menschen“ aus Afrika in Paderborn in der Zeit des Kolonialismus, in: Die Warte. Heimatzeitschrift für die Kreise Paderborn und Höxter 195 (2022), S. 5 – 9, hier S. 8.

[12] Paderborner Anzeiger, 22.07.1893.

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Vom Sauerland nach Paderborn, über Kamerun ins „Nirgendwo“ – das „Mysterium“ Franz Anton Schran (1850-1895?)

Beschäftigt man sich mit der kolonialen Vergangenheit Paderborns, taucht ein Name immer wieder auf: Franz Anton Schran. Der Maschinist, Bau- und Regierungsinspektor war in Kamerun und Liberia tätig, von wo er auch vier schwarze Jungen mit in die Stadt brachte. Das  Westfälische Volksblatt beschrieb den geachteten und fleißigen Bürger 1888 als passionierten Kolonialisten:

“Man findet allgemein die Ansicht vertreten, daß unsere Colonial-Bestrebungen in West-Afrika als gescheitert und verfehlt zu betrachten sind. Dieser Auffassung tritt ganz entschieden der jetzt aus Kamerun zurückgekehrte Regierungs-Secretär Herr Ingenieur Franz Schran entgegen, der überzeugt ist, daß dieses Land für Deutschland noch eine große Zukunft haben wird. […] So wird auch Paderborn in die Lage kommen, wenn auch in ganz bescheidenem Maße, das Seinige zu unserem Colonial- Bestrebungen beizutragen.[1]

Nur wenige Jahre später ermittelten aber sowohl Polizei als auch Staatsanwaltschaft gegen Schran. Wie konnte es dahin kommen?

Schran’s rasanter beruflicher Aufstieg im kolonialen Kontext

Geboren am 07. April 1850 in Oberkirchen an der Lenne im Hochsauerland-Kreis, besuchte Franz Schran zunächst die Rektoratsschule in Schmallenberg und schließlich die Gewerbeschule erster Ordnung in Münster. Sein Vater besaß mehrere Hammerwerke, Schiefer-, Blei-, und Eisensteingruben sowie eine Wagenachsen-Fabrik. Während der Schulferien und nach Beendigung der schulischen Laufbahn erlernte Schrank das Maurer- und Zimmerer-Gewerbe. Da er darüber auch Kenntnisse als Dampfmaschinist, Lokomotivführer und Kesselschmied hatte, fand er Beschäftigung bei der „Association Internationale du Congo.“[2] Im Jahr 1881 schloss er sich der Expedition von Henry Morten Stanley in den Kongo an und wurde dort zwei Jahre später als Ingenieur für eine Handelsniederlassung der Firma Woermann eingestellt, die bereits im Jahr 1837 gegründet worden war und sich zunächst auf den Handel mit Leinen und Töpferwaren spezialisiert hatte. Im Zuge des aufkommenden Afrikahandels etablierte die Firma zahlreiche Niederlassungen, darunter in Gabun und Kamerun.[3] Im Jahr 1887, noch während der Amtszeit von Reichskanzler Bismarck, wechselte Schran von der Privatwirtschaft in den Staatsdienst: Er übernahm eine Stelle als Sekretär der deutschen Kolonialregierung in Kamerun. Die berufliche Anerkennung blieb nicht aus, wie der Aachener Anzeiger berichtete:

Als Schran im Frühjahr 1888 einen Erholungs-Urlaub nach Deutschland antrat, sprach der Gouverneur v. Soden in einem Berichte an den damaligen Decernenten für die Kolonien, Geh. Rat Kranel, jetzigen Gesandten in Buenos Aires, seine volle Zufriedenheit über die Leistungen Schrans aus und bat den Decernenten, auch seinerseits Herrn Schran ein Wort der Anerkennung zu sagen und demselben, wenn möglich, den Titel als Bauinspektor oder Baurat zu verschaffen.[4]

Wegen seiner beruflichen Verdienste erhielt Schran schließlich am 13. Juli 1888 den Titel eines Bauinspektors, womit ihm die Verantwortung für das gesamte Bauwesens in Kamerun übertragen wurde. Doch die Anerkennung beschränkte sich nicht nur auf sein berufliches Geschick, sondern auch seine körperliche Widerstandsfähigkeit gegenüber den extremen klimatischen Bedingungen in Afrika fand Beachtung: „[…] man freute sich, daß sein Körper dem mörderischen Klima erfolgreich Stand zu halten schien.“[5] In seinem Lebenslauf berichtete Schran von seinem Alltag in der Kolonie, auch von einer scheinbar alltäglichen Situation, in der 250 Einheimische Wägen mit Schiffsteilen mithilfe von Zugseilen ziehen mussten, wobei ihr Zusammenbrechen nicht zu verhindern gewesen sei.[6]

Die Brücke zwischen zwei „Welten“: Franz Schran und die Verbindung zu Paderborn

Seinen Heimaturlaub im Jahr 1888 wollte Schran wie üblich in Paderborn verbringen, wo seine Frau Franziska Drees[7] lebte – sie begleitete ihn nicht nach Kamerun. Diesmal aber brachte er Begleitung mit: Die Deutsche Kolonialzeitung berichtete am 30. Juni 1888:

„Unter den Passagieren, welche mit dem letzten Woermannschen Dampfer aus Afrika herübergekommen sind, war auch der kaiserliche Regierungssekretär beim Gouvernement in Kamerun, Ingenieur Schran, welcher den Dampfer in Havre verlassen hatte, um von dort die Landreise zu machen, hier eingetroffen um seine Schutzbefohlenen in Gestalt von sechs jungen Afrikanern mit in seine westfälische Heimat zu nehmen.“[8]

Auch das Paderborner „Westfälische Volksblatt“ berichtete von der Ankunft der jungen Männer, auf die die Paderborner Bevölkerung mit großer Aufregung reagierte. Die Zeitung beschrieb eine außerordentliche Anziehungskraft auf die Einwohner:innen und berichtete von „tumultartigen Scenen“[9], die bei den ortsansässigen Bewohner:innen ausgelöst wurden. Während aber die Deutsche Kolonialzeitung von sechs Jungen aus Afrika berichtete, war im Westfälischen Volksblatt lediglich von vieren die Rede. Hatte Schran zwei von ihnen irgendwo anders hingebracht? Die vier Jungen, über die das Westfälische Volksblatt berichtete, waren 9-13 Jahre alt. Sie stammten aus Kamerun und Liberia und hießen (vor ihrer Taufe) Mpondo Akwa, Joseph Timba, Dagué und Akwa M’bange. Nach ihrer Ankunft fanden sie zunächst vorübergehend Unterkunft in der Gaststätte (und Kolonialwarenhandlung) in der Giersstraße 31, die heute als Gaststätte „Akademie“ bekannt ist. Dort wurden sie von Schran‘s Schwager, Franz Drees beherbergt. Ihr weiteres Schicksal hat Jonas Eberhardt zu recherchieren versucht.[10]

Die Giersstraße um 1914. Vorne Rechts ist die Gaststätte, heute “Akka”, zu sehen, in der u. a. Mpondo Akwa vorrübergehend Unterkunft fand.

Rätselhafter Abstieg: Das Verschwinden ins „Nirgendwo“

Auf Grund von gesundheitlichen Beeinträchtigungen sah Schran sich zwei Jahre später gezwungen, seinen Dienst in Kamerun zu quittieren, was seinem hervorragenden Ruf aber zunächst keinen Abbruch tat. Aufgrund einer erneuten Empfehlung von Gouverneur Julius von Soden und Geheimem Rat August Busse aus dem Reichsamt des Inneren, welche eine Beschäftigung von Schran als besonders wünschenswert erachteten, war er darauffolgend zwischen 1890 und 1895 für die Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes tätig. Auch hier erfüllte er seine Aufgaben „zur vollen Zufriedenheit seiner Vorgesetzten […].“[11] Allgemein galt Schran als „gut empfohlener, tüchtiger Beamter“, was die nachfolgenden Ereignisse nur noch rätselhafter macht.

Im Jahr 1895 verschwand Franz Schran, um dessen übermäßigen Alkoholgenuss sich bereits Gerüchte rankten,[12] plötzlich und unerwartet aus Berlin, jedoch nicht ohne „krampfhafte Versuche“,  sich „Reisegeld zu verschaffen“, wie der Aachener Anzeiger es formulierte. Die Zeitung berichtete von einer geplanten Unterschlagung in Höhe von 50.000 Mark. Diese Summe wollte Schran im Kontext der Vorbereitung zur Deutschen Kolonialausstellung in Berlin von einem Weinhändler als Kaution für die Erteilung einer Ausschankerlaubnis im Treptower Park kassieren. Nach einer Besichtigung vor Ort nahm der Weinhändler jedoch von dem Geschäft Abstand.[13] Außerdem wurde Schran beschuldigt, als Vorsitzender des Arbeitsausschusses für die Deutsche Kolonialausstellung im Jahre 1896 10.000 Reichsmark für die Beschaffung von Ausstellungsobjekten unterschlagen zu haben. Einer Aufforderung zur öffentlichen Darlegung seiner Abrechnung war er am 26. September 1895 aufgrund von Unwohlsein nicht nachgekommen. Als Schran zum Wiederholungstermin am 1. Oktober 1895 wieder nicht erschien, begaben sich Beamte zu seiner Wohnung. Dort trafen sie lediglich auf Schran’s Vermieterin, der er 500 Reichsmark schuldete, und der er erzählt hatte, dass er zu einer Schiffsabnahme nach Wilhelmshaven müsse.[14] Ab diesem Zeitpunkt verliert sich Schrans Spur.

Das Wittener Tagesblatt berichtete von einer steckbrieflichen Verfolgung des Flüchtigen und bemerkte tadelnd: „Daß jene Ernennung [zum Bauinspektor] auf die Wertschätzung des Mannes und auf das Maß des Vertrauens, das das Hauptkomitee der Berliner Gewerbe- Ausstellung ihm geschenkt hat, nicht ohne Einfluß gewesen ist, liegt auf der Hand.“[15] Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung berichtete im März des folgenden Jahres von der Verhandlung gegen Schran in Abwesenheit vor der Reichsdisziplinarkammer in Potsdam: „Es liegt ihm zur Last, daß er unter fälschlichen Vorspielungen seinen Dienst böswillig verlassen und deshalb gegen die Bestimmungen […] betr. die Rechtsverhältnisse der Reichsbeamten verstoßen hat.“[16] Er wurde aus dem Dienst entlassen, blieb aber weiterhin verschwunden. Seine in Paderborn wohnhafte Frau, von er bereits seit einigen Jahren getrennt lebte, konnte keine Auskunft geben. Die beiden hatten zwei Söhne, die in Leipzig erzogen wurden, und für die Schran vor seinem Verschwinden aufgekommen war, was seine Schulden noch erhöhte.[17]

Zahlreiche Zeitungsberichte vermochten das „Mysterium Schran“ nicht zu entschlüsseln. Warum der begeisterte Anhänger des Kolonialgedankens und tüchtige Beamte, nachdem er sich aus bescheidenen Lebensverhältnissen hochgearbeitet und durch eine verantwortungsbewusste Arbeitshaltung ausgezeichnet hatte, auf diese Weise verschwand, darüber können wir nur spekulieren.


[1] Westfälisches Volksblatt, 15.06.1888.

[2] Aachener Anzeiger, 22.10.1895.

[3] C. Woermann, Geschichte, https://www.c-woermann.de/deutsch/geschichte, Zugriff am 15.08.2023; Todzi, Kim Sebastian: Unternehmen Weltaneignung. Der Woermann-Konzern und der deutsche Kolonialismus 1837-1916, Göttingen 2023.

[4] Aachener Anzeiger, 22.10.1895.

[5] Ebd.

[6] Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Personalakte Franz Anton Johann Schran, PA 1 Nr. 13816 (10).

[7] Ebd., PA 1 Nr. 13815 (7).

[8] Deutsche Kolonialzeitung, 30.06.1888.

[9] Westfälisches Volksblatt, 15. 6. 1888.

[10] Eberhardt, Jonas, „Schwarze Menschen“ aus Afrika in Paderborn in der Zeit des Kolonialismus, in: Die Warte 195 (2022), S. 5-9.

[11] Aachener Anzeiger, 22.10.1895.

[12] Norddeutsche Allgemeine Zeitung, 12.03.1896.

[13] Aachener Anzeiger, 22.10.1895.

[14] Norddeutsche Allgemeine Zeitung, 12.03.1896.

[15] Wittener Tagesblatt, 21.10.1895.

[16] Norddeutsche Allgemeine Zeitung, 12.03.1896.

[17] Bürger-Zeitung für Düsseldorf, 15.10.1895.

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Kolonialverbrechen in Südwestafrika? Das Westfälische Volksblatt in Paderborn über den Aufstand der Herero und Nama

„An den heutigen Maßstäben des Völkerrechts gemessen war die Niederschlagung des Herero-Aufstands ein Völkermord.“[1] Diese Worte schrieb der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert 2015 in einem Beitrag für die ZEIT. Dabei bezog er sich auf die Niederschlagung des Herero- und Nama-Aufstands in den Jahren 1904 bis 1908, vor mittlerweile fast 120 Jahren. Das Deutsche Kaiserreich als europäischer „Spätzünder“ in Sachen Kolonialherrschaft besaß zu diesem Zeitpunkt einige Kolonien in Afrika und der Südsee. In Südwestafrika, dem heutigen Namibia, rebellierten die Indigenen gegen die deutsche Kolonialmacht. Bei der Niederschlagung des Aufstandes verloren je nach Berechnung bis zu 80.000 Herero und Nama ihr Leben.

Aktueller denn je: Postkoloniale Studien und Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit

Mit der Anerkennung dieses Verbrechens als Völkermord tat sich die Bundesrepublik lange schwer: Zwar gab es seit der Unabhängigkeit Namibias im Jahre 1990 sogenannte „entwicklungspolitische Sonderbeziehungen der Bundesrepublik Deutschland zu Namibia“[2], diese gingen jedoch über umfangreiche Entwicklungshilfegelder nicht hinaus und verstanden sich dezidiert nicht als Entschädigung. Eine juristisch verpflichtende Anerkennung der Verbrechen als Völkermord steht also bis heute aus, obwohl Historiker*innen sich mehrheitlich einig sind, dass das Vorgehen der ‚Kaiserlichen Schutztruppe für Deutsch-Südwestafrika‘, wie die offizielle Bezeichnung für die Kolonialtruppe lautete, die Bedingungen eines Genozids erfüllte.[3] Stattdessen kam es im Jahre 2021 zu einem Aussöhnungsabkommen zwischen der deutschen Bundesregierung und der Regierung Namibias, dessen zentraler Inhalt die Einigung über den beidseitigen Umgang mit der gemeinsamen Vergangenheit darstellt und in deren Folge die deutsche Regierung die Ereignisse nunmehr „ohne Schonung und Beschönigung“ als Völkermord bezeichnen will.[4] Was aber wussten die Bewohner des Deutschen Kaiserreichs, z.B. in der Paderborner Provinz, von den Vorkommnissen auf dem afrikanischen Kontinent? Welche Position nahm die Presse dem Krieg gegenüber ein?

Das Westfälische Volksblatt dominierte die Paderborner Presselandschaft

Das  „Westfälische Volksblatt“ (WV) versorgte seit 1849 die Paderborner Bevölkerung mit Informationen, zunächst als wöchentliche Beilage zum ein Jahr zuvor gegründeten „Westfälischen Kirchenblatt für Katholiken“.[5] Das dezidiert katholische Blatt wurde redaktionell geleitet von Joseph Honcamp, einem Zögling des Verlagsgründers Ferdinand Schönigh, und erschien in den 1890er Jahren bis zu dreimal täglich. Es propagierte die Politik der Zentrumspartei, die als eine der größten Parteien des Kaiserreichs den politischen Katholizismus vertrat.[6] Wie berichtete das katholische Blatt über die Ereignisse fernab in der südwestafrikanischen Kolonie?

Ausbruch des Aufstands – Deutschland ‚trifft auch Schuld‘

Bereits vor Beginn des Aufstandes der Herero unter Samuel Maharero im Januar 1904 gab es im Süden der Kolonie Unruhen, die von den dort ansässigen Bondelswart-Nama ausgingen, doch relativ schnell von der Schutztruppe unter Kontrolle gebracht wurden. Schon damals berichtete das WV von den Kämpfen. Am 13. November 1903 erschien ein großer Artikel auf der Titelseite des Zweiten Blattes, mit einer Karte, auf der die Siedlungsgebiete der in der Kolonie beheimaten Volksstämmen dargestellt waren. Es bestand also ein reges Interesse an den Vorkommnissen in der Kolonie. Die Tendenz der Berichterstattung wurde schon zu Beginn klar: Es sei wichtig, „Eigentum und Leben unserer Kolonisten gegen die räuberischen Eingeborenen zu schützen“.[7] Offenbar seien die „Einwohner dieser unserer Kolonie doch noch nicht ohne weiteres deutschtreue Untertanen geworden“.[8] Auf der Karte waren deutlich die großen Siedlungsgebiete der Herero im Zentrum des Landes und der Nama im Süden zu sehen. Nach Gründen für den Aufstand wurde sehr wohl gefragt, wobei die Redaktion die Informationslage als eher dürftig empfand. Man sei zumeist auf englische Quellen angewiesen und werde die weitere Entwicklung kritisch im Auge behalten.

Der Beginn des Völkermords – Der lange nicht thematisierte Vernichtungsbefehl

In der Tat enthielt die Berichterstattung durchaus Kritik: in verdächtig häufigen Fällen hätten „deutsche Kolonisatoren schwer über die Stränge gehauen […], sich schwer an der eingeborenen Bevölkerung versündigt“[9], merkte das Blatt bereits im März 1904 an. Allerdings wurde der für den folgenden Völkermord entscheidende Vernichtungsbefehl des Generals Lothar von Trotha vom 2. Oktober 1904 erst ein dreiviertel Jahr später, am 17. August 1905, im WV thematisiert. Bis dahin bestand der Großteil der Berichtserstattung im WV aus kurzen Meldungen über Truppenbewegungen, Gefechte und die regelmäßige Übermittlung der Namen von gefallenen Soldaten. Einen persönlicheren Eindruck bekamen die Leser vor allem durch im WV erwähnte oder sogar im Wortlaut abgedruckte Briefe, die von Soldaten oder auch Siedlern direkt aus der Kolonie in die Heimat geschickt wurden. In der Ausgabe vom 20.12.1904 wird zum Bespiel von „zahlreichen Briefen“ geschrieben, die allesamt über „traurige Zustände“ in der Kolonie berichteten. Dabei ging es um die schlechte Ausstattung mit „Klamotten“, welche monatelang getragen werden mussten, immer kleiner werdende Essensrationen und den Kampf mit Frost während der Nächte unter freiem Himmel sowie „Hitze von 50 bis 60 Grad“ am Tag.

Die Nachrichtenlage schien sich dabei für die Redaktion eher noch zu verschlechtern: Heimkehrende Offiziere hätten Befehl erhalten, „keine Nachrichten über die Kriegslage zu veröffentlichen“[10]. Am 21. Mai 1905 konnte man immerhin eine Bekanntmachung des Generals v. Trotha an die Namaquastämme abdrucken, die über die britische Kolonie Südafrika der englischen Times zugetragen worden war und von dort den Weg nach Deutschland gefunden hatte. Der Abdruck erfolgte jedoch kommentarlos. In dieser Proklamation war von der Ausrottung aller Rebellen die Rede und der Erschießung derjenigen Aufständischen, die auf „deutschem Gebiet“ blieben.

Erst bei der nachträglichen Veröffentlichung des Vernichtungsbefehls von Trothas am 17. August 1905, die im Wortlaut abgedruckt wurde, brachte das WV eine kritische Kommentierung der Ereignisse in Südwestafrika. Dieser Befehl wurde dabei bereits im Dezember 1904 auf direkten Befehl Kaiser Wilhelms II.[11] und im Januar 1905 durch den Reichskanzler Bernhard von Bülow[12] zurückgenommen, ohne dass es bis dahin großen Aufruhr in der Presse gegeben zu haben scheint. Die in dem Text zu Tage tretende Ausrottungspolitik, so das WV, sei keine Überraschung, sondern aus Briefen von Soldaten bereits bekannt gewesen. Angesichts der Abhängigkeit der Kolonisatoren von den indigenen Arbeitskräften wurde das Vorgehen deutlich kritisiert – eine vor allem ökonomisch argumentierende Kritik, bei der christliche Nächstenliebe keine Rolle spielte. Dann holte der Text zum Rundumschlag aus, indem er ganz grundsätzlich nach dem Sinn der Kolonialpolitik fragte, die in der Bevölkerung wenig Unterstützung erfahre. 400 Millionen Mark hätten die Kämpfe bereits gekostet. Zudem sei Trothas Kriegsführung „der einer zivilisierten Nation“[13] nicht würdig und werfe ein sehr schlechtes Licht auf die deutsche Schutztruppe, die doch ursprünglich, so kann man interpretieren, den „Wilden“ Zivilisation und Kultur bringen sollten.

Abberufung des General von Trotha – eine Notwendigkeit, die lange brauchte

Das WV berichtete zwar erst knapp ein Dreiviertel Jahr nach Verkündigung über Trothas Vernichtungsbefehl, sie war damit jedoch nicht alleine. Explizit Erwähnung findet die Proklamation in der deutschen Presse voher anscheinend nicht. In einigen Zeitungen werden jedoch Andeutungen gemacht, die den Verdacht nahe legen, dass sie mehr Informationen zur Hand hatten und unter anderem deshalb eine kritischere Betrachtung der Kriegsführung an den Tag legten.

Die in Berlin ansässige Norddeutsche Allgemeine Zeitung (NAZ), ein Sprachrohr der Konservativen Partei[14], schrieb schon in der Ausgabe vom 25.11.1904 von der Strategieänderung des Generals, er habe nun beschlossen, „die Herero nicht aus dem Sandfeld herauszulassen und sie in diesem der Vernichtung preiszugeben“[15]. Gewollt oder ungewollt hatte die NAZ somit zwar den im Gange befindlichen Völkermord angedeutet, ihn jedoch nicht weiter thematisiert. Auch scheinen kaum Reaktionen der sonstigen deutschen Presse auf diesen Artikel der NAZ gefolgt zu sein. Nur die „Vorwärts“, die als Parteizeitung der Sozialdemokraten der zeitgenössischen Parteilinie folgend eher kritisch gegenüber der deutschen Kolonialpolitik eingestellt war, sah in den offiziellen Berichten Beweise für eine regelrechte „Menschenjagd“ nach Vorbild der Niederschlagung des sogenannten Boxeraufstandes in China im Jahre 1900 und benannte dies bereits im November 1904.[16] Ebenso erwähnte die „Vorwärts“ bereits im Oktober 1904, also in unmittelbarer Folge des Vernichtungsbefehls, dass der General von Trotha das Veröffentlichen von Informationen über den Feldzug unter Strafe gestellt habe.[17] Dies fand im WV bekanntlich erst im Mai des Folgejahres Erwähnung.

Nachdem seine Proklamation in der breiten deutschen Öffentlichkeit bekannt geworden war, geriet General v. Trotha unter zunehmenden Druck. Auch in der Ausgabe des WV vom 20. August 1905 wurde ihm vorgeworfen, er richte die Kolonie zu Grunde. Seine Abberufung sei nur eine Frage der Zeit. Milde gegenüber den Aufständischen als notwendigen Arbeitskräften sei dringend geboten. Am 14. September 1905 machte das Blatt zudem deutlich, dass die Kolonialpolitik in Südwestafrika von der Zentrumspartei lediglich mitgetragen worden sei, um die Eingeborenen zu Christen zu machen. Ihre Ausrottung sei deshalb auf keinen Fall zu billigen [Bild 4: Ausgabe vom 14.09.1905]. Nachdem der bisherige Gouverneur Theodor Leutwein aufgrund seiner Meinungsverschiedenheiten mit General von Trotha bereits im November 1904 sein Amt hatte niederlegen müssen, trat mit Friedrich von Lindequist ein Jahr später ein erfahrener Nachfolger an. Dieser stellte jedoch eine einzige Bedingung für seinen Amtsantritt: Neben der Tätigkeit des Gouverneur wollte er ebenso das Amt des Befehlshabers der Schutztruppe erhalten, welches bis dato General von Trotha inne gehabt hatte. Man gab seiner Forderung statt, sodass im November 1905 der in Ungnade gefallene General von Trotha seines Amtes enthoben wurde. Er musste ins Deutsche Reich zurückreisen.[18]

Mal mehr, mal weniger kritisch – das ambivalente Westfälische Volksblatt

Das Westfälische Volksblatt bewertete die Vorkommnisse in Deutsch-Südwestafrika also durchaus zwiespältig. Einerseits kritisierte es schon zu Beginn des Aufstandes die deutsche Kolonialpolitik, mahnte Fehler auf deutscher Seite an und stellte den Kolonialbesitz grundsätzlich in Frage. General v. Trotha als Verantwortlicher wurde andererseits erst dann explizit kritisiert, als sein politisches Ende bereits absehbar war – obgleich das Blatt für sich in Anspruch nahm, durch private Briefe schon viel früher informiert gewesen zu sein. Im Vordergrund seiner Argumentation stand der Erhalt der kolonialen Landwirtschaft und Ökonomie, teilweise auch die Sorge um eine mögliche Beschädigung des deutschen Ansehens in der Welt sowie einen Verlust von zu bekehrenden Seelen im Sinne der Mission. Um das Leben der Menschen im heutigen Namibia um ihrer selbst willen ging es dem WV nicht.

Mit seiner Berichtserstattung lag das WV im klassischen konservativen Lager, das zu Beginn noch für die bedingungslose Niederschlagung des Aufstandes argumentierte, mit der Zeit jedoch die Kritik an der Kolonialpolitik steigerte und Fehler auf deutscher Seite ansprach. Andere Zeitungen wie das sozialdemokratische „Vorwärts“ sparten noch weniger mit Kritik. Selbst die regierungsnahe NAZ agierte kritischer als das WV, welches zwar die NAZ häufig in ihren Artikeln zitierte, sich dabei aber anfangs anscheinend auf die eher unkritischen Berichte beschränkte, in denen eine klare Abgrenzung von Tätern (Herero und Nama) und Opfern (deutsche Siedler) stattfand. Tiefergehende Kritik an den öffentlich kommunizierten Gründen für den Ausbruch des Hereroaufstandes und der folgenden Kriegspolitik erschien im WV somit vorzugsweise ab dem Moment, in dem die Missstände bereits zu großen Teilen offenkundig waren und von Teilen der Presse bereits behandelt worden waren.


[1] Bundestagspräsident Lammert nennt Massaker an Herero Völkermord, in: Die Zeit, 08.07.2015, https://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-07/herero-nama-voelkermord-deutschland-norbert-lammert-joachim-gauck-kolonialzeit (zuletzt abgerufen am 29.09.2023).

[2] Völkermord an Herero und Nama: Abkommen zwischen Deutschland und Namibia, in: kurz&knapp, Bundeszentraler für politische Bildung, 22.06.2021, https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/335257/voelkermord-an-herero-und-nama-abkommen-zwischen-deutschland-und-namibia (zuletzt aberufen am 29.09.2023).

[3] Schlüter, Jan-Philippe; Habermalz, Christiane: Verbrechen an den Hereros und den Namas. Ringen um die Anerkennung der deutschen Schuld, in: Deutschlandfunk Kultur, 20.12.2017, https://www.deutschlandfunkkultur.de/verbrechen-an-den-hereros-und-den-namas-ringen-um-die-100.html (zuletzt abgerufen am 29.09.2023).

[4] Deutschland erkennt Kolonialverbrechen als Völkermord an, in: Die Zeit, 28.05.2021, https://www.zeit.de/politik/deutschland/2021-05/kolonialismus-deutschland-namibia-voelkermord-herero-nama-anerkennung (zuletzt abgerufen am 29.09.2023).

[5] Grabe, Wilhelm: Westfälisches Volksblatt, Paderborn 2019, https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/titleinfo/6898109 (zuletzt abgerufen am 29.09.2023).

[6] Ebd.

[7] Westfälische Volksblatt, 13.11.1903.

[8] Ebd.

[9] Westfälische Volksblatt, 30.03.1904.

[10] Westfälisches Volksblatt, 19.05.1905.

[11] Brehl, Medardus: Vernichtung der Herero. Diskurse der Gewalt in der deutschen Kolonialliteratur, Leiden 2007, S. 98.

[12] Zimmerer, Jürgen: Trotha, Lothar von, in: Neue Deutsche Biographie. S. 455f, online verfügbar über: https://www.deutsche-biographie.de/sfz134051.html#ndbcontent (zuletzt abgerufen am 29.09.2023).

[13] Westfälisches Volksblatt, 17.08.1905.

[14] Fischer, Heinz-Dietrich: Deutsche Allgemeine Zeitung, Berlin (1861 – 1945), in: Fischer, Heinz-Dietrich (Hg.): Deutsche Zeitungen des 17. bis 20. Jahrhunderts, München 1972, S. 273.

[15] Rolka, Michael: Der Hereroaufstand in der zeitgenössischen deutschen Presse, Duisburg-Essen 2012, S. 95.

[16] Ebd. S. 93

[17] Ebd. S. 93.

[18] Nuhn, Walter: Sturm über Südwest: der Hereroaufstand von 1904 : ein düsteres Kapitel der deutschen kolonialen Vergangenheit Namibias, Michigan 1989, S. 309.

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(K)ein gewöhnlicher Ausflug in die Senne – Inszenierung kolonialer Kriegsgefangener auf Fotopostkarten

Einen Ausflug in die Senne verbinden wir gegenwärtig in erster Linie mit Erholung in der Natur. Ganz anders sah es hingegen in der Anfangszeit des Ersten Weltkrieges vor fast 110 Jahren aus. Stand in jener Zeit ein Ausflug in der Senne an, lockte die Ausflügler ein gänzlich anderes „Motiv“ in diese Gegend.

Kriegsgefangenenlager Sennelager als Attraktion

Am Garnisonsstandort Sennelager bei Paderborn wurde nach Beginn des Ersten Weltkriegs ein Kriegsgefangenenlager errichtet. Unter den vielen tausend Gefangenen, die im Verlauf des Krieges interniert wurden, befanden sich auch Soldaten aus den britischen und französischen Kolonien, z.B. aus dem heutigen Algerien oder Marokko. Diese Kriegsgefangenen übten eine enorme Anziehungskraft auf einheimische Zivilisten aus.

„Das bunte Bild, das gegenwärtig das Kriegsgefangenenlager in der Senne bietet, bildet sonn- und wochentags das Ziel vieler Tausende von Neugierigen.“[1]

Sie versammelten sich in Scharen, um einen Blick auf die „Exoten“ in ihren typischen Uniformen und mitunter auch Landestrachten zu werfen.[2] Zahlreiche Fotografien der Gefangenen verbreiteten sich im gesamten Kaiserreich und avancierten in kurzer Zeit zu beliebten Motiven für Fotopostkarten[3]− eine große Sammlung davon befindet sich heute im Paderborner Stadt- und Kreisarchiv.

Wie nahm die Bevölkerung die gefangener Kolonialsoldaten wahr und welche Rückschlüsse auf das Wissen und Denken der Menschen in Paderborn können wir aus den Abbildungen ziehen? Exemplarisch hierfür möchte ich zwei Karten aus der umfangreichen Sammlung unter die Lupe nehmen.

„Die WhatsApp des 20. Jahrhunderts“

Bildpostkarten sind damals wie heute industriell vervielfältigte Massenartikel. Im Gegensatz zu heute waren sie zur Zeit des Ersten Weltkrieges Kommunikationsmittel für breite Bevölkerungsschichten[4], sozusagen die „WhatsApp des 20. Jahrhunderts“. Im Vergleich zum sonst gebräuchlichen Brief boten sie eine Fülle an Vorteilen: Sie waren preisgünstiger, schnell geschrieben und wurden auch schneller befördert. Besonders beliebt waren Fotografien als Motive, erlaubten sie es doch, für wenig Geld modische Bilder zu erwerben.[5] Sogar als Sammelobjekt konnten die Postkarten dienen:

„Auch als Sammelobjekt wurden vor allem Ansichtskarten sehr bald beliebt. Ganze Postkartenalben wurden gefüllt […]. Je nach Sammlungsmotivation waren die Karten in den Alben auf unterschiedlichste Weise angeordnet. Von topografischen und thematischen über chronologische Ordnungen findet man heute eine große Varianz in den Alben. Bereits in den 1890er Jahren wurde dieser Sammelsport organisiert und es entstanden Vereine, die den Sammlern einen Austausch von Ansichtskarten ermöglichten und die häufig eigene Zeitschriften zu Ansichtskarten und dem Sammeln derselben herausgaben. […].“[6]

Fotopostkarte von Walter Müller (1915)

Die Ansichtsseite der Postkarte datiert aus dem Jahr 1915 und stammt vom Paderborner Atelierfotografen und Postkartenproduzenten Walter Müller. Sie zeigt überwiegend kriegsgefangene Franzosen und Angehörige verschiedener französischer Kolonialtruppen. Vereinzelt sind aber auch Kriegsgefangene anderer Nationen abgebildet. Im Hintergrund sehen wir neugierige Ausflügler, Männer wie Frauen, hinter einem Stacheldraht stehend. Ein deutscher Wachsoldat steht bewaffnet mit aufgestecktem Bajonett in oberster Reihe zwischen den französischen Kriegsgefangenen. Die ordnende Hand des Berufsfotografen merkt man der Aufnahme an. Dafür spricht die symmetrische Anordnung der abgebildeten Soldaten und ihr in die Kamera gerichtete Blick. Die vorliegende Postkarte wurde nachträglich koloriert, eine günstigere Variante in Schwarz-weiß wurde ebenfalls angeboten.[7] Die nachträgliche Kolorierung unterstreicht den „exotischen“ Charakter und damit die Fremdheit der Gefangenen. Zudem enthält sie die Bildunterschrift G.m.b.H.[8] in deutscher Kriegsgefangenschaft die Abkürzung wurde anscheinend in satirischer Absicht verwendet, wie für die Zeit üblich. Die Verwendung solcher humoristischen Mittel zielt stets auf die Verunglimpfung des Gegners. Die Karte ist heutzutage noch im Internet zu erwerben, was auf eine weite Verbreitung und auf große Popularität schließen lässt.

Fotopostkarte Wilhelm Metze (1915)

Dieses Gruppenportrait in Schwarz-Weiß, fotografiert von Wilhelm Metze, datiert ebenfalls aus dem Jahr 1915. Der Fotograf übernahm bereits im Jahr 1913 ein Atelier in Neuhaus-Senne, während sich sein Hauptgeschäft in Bielefeld befand.[9] Im Gegensatz zum Müller-Motiv sind hier ausschließlich französische Kriegsgefangene zu sehen. Einer von ihnen steht in der Mitte und wird von seinen Kameraden aus den französischen Kolonien Nord- und Westafrikas umgeben. Auch sie sind in der typischen symmetrischen Anordnung eines Gruppenportraits abgelichtet worden, jedoch ohne Bildunterschrift. Sie halten sich in einer Hofanlage ohne Stacheldraht auf, was auf einen Arbeitseinsatz außerhalb des Lagers schließen lässt. Die Männer wirken selbstbewusst und zum Teil gut gelaunt. Auffällig ist eine schaulustige Frau hinter den Soldaten, bei der es sich um die Auftraggeberin oder eine Angehörige des Auftraggebers handeln könnte. Dass dieses Motiv nach eigener Recherche nicht anderweitig aufzufinden ist, könnte auf einen Sonderauftrag hinweisen, d.h. die Karte wurde wohl nur in kleiner Auflage gedruckt.[10]

Die Produktion von Fotopostkarten stellte einen wichtigen Erwerbszweig von Berufsfotografen dar, die die Lukrativität der „exotischen“ Motive im Gefangenenlager erkannten. Neben professionellen Berufsfotografen hielten aber auch private Hobbyfotografen, die es sich finanziell leisten konnten, das Geschehen auf ihren Fotoapparaten fest.[11] Die große Beliebtheit solches voyeuristischen  Bestaunens des „Fremden“, das schamlos-neugierige Beäugen ist aus unserer heutigen Wahrnehmung heraus nur schwer nachvollziehbar. Es wird verständlicher, wenn man sich den Zeitgeist des Kaiserreichs vor Augen führt.  

Zeitgeist und Medienlandschaft der wilhelminischen Gesellschaft

Militaristisches und koloniales Gedankengut waren schon lange vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in der wilhelminischen Gesellschaft weit verbreitet. Völkerschauen, in denen „exotische“ Menschen als lebende Ausstellungsobjekte präsentiert wurden, sind für viele Städte, unter ihnen auch Paderborn, schon ab ca. 1830 nachweisbar. Fast alle Deutschen, egal aus welcher Schicht und Altersstufe, dürften einmal eine solche Völkerschau erlebt haben, die immer auch darauf abzielte, den Schaulustigen den „kolonialen Blick“ zu vermitteln, der die Bestätigung und Vergewisserung der eigenen kulturellen Überlegenheit zu Ziel hatte. [12]

„Jede Darstellung des Eigenen entsteht immer vor dem Hintergrund eines gedachten Anderen, vom dem sich das Eigene abzusetzen versucht. Unter den Bedingungen eines Krieges bekommt diese Unterscheidung besondere Bedeutung.”[13]

Zur Entstehungszeit der beiden Postkarten war die Tatsache, dass die Entente-Mächte an der Westfront auch Kolonialtruppen einsetzten, ein großes Thema in der deutschen Medienlandschaft. Wurden sie zunächst noch als Kuriosum belächelt, verurteilte man ihren Einsatz spätestens dann aufs Schärfste, als sie als Besatzer ins Rheinland einmarschierten.[14] Aber schon während des Krieges wurde der Einsatz der Kolonialtruppen von vielen Medien als Ausdruck eines Krieges aller Völker gegen das Deutsche Kaiserreich gedeutet. Solche Interpretationen in Zeitungen, die noch ohne Abbildungen auskommen mussten, wurden durch die bunten Fotopostkarten ergänzt. Sie stellten mit ihren Abbildungen visuell dar, was sonst nur in schriftlicher und mündlicher Form erfahrbar war: die Vielfalt der Kriegsgefangenen aus aller Welt, am besten der „Exoten“, sollten das Narrativ vom Krieg aller Völker gegen das Deutsche Kaiserreich belegen. Diese Gegner aus aller Welt saßen nun gefangen im Sennelager nahe Paderborn, überwacht von der „zivilisierten“ deutschen Armee, die über kurz oder lang den Sieg über diese „Barbaren“ davontragen würde – diese Botschaft transportierten die Postkarten für die Zeitgenossen überdeutlich.

Markus Köster bringt die tiefe Bedeutung, die solchen Bildern innewohnt, überzeugend auf den Punkt:

Bilder sind eben nicht einfach Abbildungen der Realität, sondern inszenieren und interpretieren diese in zielgerichteter Weise. […] Die Art der Darstellung von Ereignissen, Menschen und Objekten, die Formen, in denen Bilder verwendet, präsentiert, rezipiert und überliefert werden, all das gibt demnach Auskunft über Selbst- und Fremdbilder, Normen, Wertvorstellungen und Tabus in Gesellschaften. Das gilt auch für die visuellen Repräsentationen des Fremden, des Exotischen, des Kolonialen. Auch sie folgen festen Bildprogrammen, gleichsam visuellen Mustern in den Köpfen, und kreieren diese auch. Sie definieren über die Darstellung des Anderen das Eigene und dienen so der sozialen Selbstvergewisserung von Gesellschaften.[15]


[1] Kriegsgefangenenlager Sennelager | Dortmund postkolonial (2023). Online verfügbar unter: http://www.dortmund-postkolonial.de/?page_id=3382 (zuletzt abgerufen am 29.09.2023).

[2] Die Zurschaustellung „exotischer“ Kriegsgefangener im Ersten Weltkrieg stellt selbstverständlich kein exklusives Phänomen in der Menschheitsgeschichte dar. Man denke z. B. an die Triumphzüge im alten Rom der Antike.

[3]Gaidt, Andreas: Die Liborikirmes, in: Gaidt, Andreas; Grabe, Wilhelm; Rade, Hans Jürgen: 500 Jahre Libori, Paderborn 2023, S. 160.

[4] Brocks, Christine: Die bunte Welt des Krieges. Bildpostkarten aus dem Ersten Weltkrieg; 1914 – 1918, Essen 2008, S.20.

[5] Brocks, Christine: Bildquellen der Neuzeit, Essen 2012, S.67 f.

[6] Anna Spiesberger, Postkarten, in: Südwestdeutsche Archivalienkunde. Online verfügbar unter: https://www.leo-bw.de/themenmodul/sudwestdeutsche-archivalienkunde/archivaliengattungen/bilder/postkarten (zuletzt aberufen am 29.09.2023)

[7] Gaidt, Andreas: Die Liborikirmes, in: Gaidt, Andreas; Grabe, Wilhelm; Rade, Hans Jürgen (Hg.): 500 Jahre Libori, Paderborn 2023, S.161.

[8] Schon während des Ersten Weltkrieges war G.m.b.H. die Abkürzung für „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“.

[9] Gaidt: Photographen in der Gemeinde Neuhaus bis 1945. In: Die Residenz 115 (2006), S.11-50.

[10] Eine professionelle Einschätzung, die Auskunft über Fragen der Popularität verschiedener Motive und Adressaten geben kann, sind zeitgenössische Fachzeitschriften wie z.B. die Postkarte, Das Plakat, Papier- Zeitung, Der Postkarten-Markt.

[11] Köster, Markus (2021): Blicke durch den Stacheldraht – Zur visuellen Repräsentation kolonialer Kriegsgefangener in Westfalen in Fotografien und Filmaufnahmen aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. In: Bischoff, Sebastian; Frey, Barbara; Neuwöhner, Andreas (Hg.): Koloniale Welten in Westfalen, S. 293.

[12] Kettlitz, Eberhardt (2007): Afrikanische Soldaten aus deutscher Sicht seit 1871. Stereotype, Vorurteile, Feindbilder und Rassismus S. 86.

[13] Köster, S. 242

[14] Kellitz. S. 104 ff.

[15] Köster, S. 291.

 

 

 

 

 

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„Hier wurde für den kolonialen Gedanken nichts getan“: Die Geschichte der Deutschen Kolonialgesellschaft in Paderborn

Am 26. August 1882 wurde im Englischen Hof in Frankfurt a. M. der Deutsche Kolonialverein gegründet. Ziel dieses Vereins war es:

„Die Colonialbestrebungen im deutschen Volke zu unterstützen, insbesondere
1. den dazu geeigneten in überseeischen Ländern bestehenden deutschen Handelsfactoreien, welchen der Schutz einer civilisierten Macht nicht zur Seite steht, den nationalen Schutz zu erwirken;
2. Die zur Errichtung von Handelsfactoreien geeigneten Plätze zu ermitteln und überseeische deutsche Niederlassungen zu begünstigen, ohne selbst an dessen [sic!] Begründung theilzunehmen.“[1]

Zum Zeitpunkt der Gründung des Vereins zeigte die Regierung des Deutschen Reichs noch kein Interesse am Erwerb von Kolonien und so versuchten die interessierten Kreise auf dem Wege dieser privaten Interessensgemeinschaft, auf den Erwerb deutscher Kolonien hinzuarbeiten. Nach und nach wurden in etlichen deutschen Städten Ableger des Deutschen Kolonialvereins, der sich 1888 zur Kolonialgesellschaft umformte, gegründet; so auch in Paderborn.

Die Gründung der Kolonialgesellschaft in Paderborn

Am 2. Dezember 1891 wies der Paderborner Anzeiger darauf hin, dass nun erstmals auch in der Paderstadt ein Kolonialverein[2] seine Wurzeln geschlagen habe. Ein provisorischer Vorstand sei bereits gewählt und die erste ordentliche Versammlung am 27.11.1891 im Rathaussaal abgehalten worden. Aus demselben Artikel geht hervor, dass nach einer Begrüßungsrede von Landgerichtspräsident Ferdinand Müller der „Afrikareisende“ Dr. Neubauer mehr als eine Stunde über Deutsch-Ostafrika referiert habe, und zwar über wirtschaftliche Interessen, aber auch den Sklavenhandel in der Region, der laut Neubauer auf dem „handelspolitischen Wege ausgerottet“ werden sollte. Unter den Zuhörern war, laut dem Artikel, unter anderem auch der Paderborner Domprobst Wilhelm Studmann.[3]

Der Rathaussaal des Paderborner Rathauses um 1900. Hier hat die Paderborner Abteilung der Deutschen Kolonialgesellschaft sowohl ihre erste ordentliche Versammlung als auch mehrere Vorträge abgehalten.

Die Deutsche Kolonialzeitung, als Organ der Deutschen Kolonialgesellschaft, berichtete zehn Tage später, in der Ausgabe vom 12. Dezember 1891, von der Gründung der Paderborner Abteilung, wobei sie die Vorstandsmitglieder noch nicht namentlich benannte.[4] Erst am 2. April des nächsten Jahres wurde Landgerichtspräsident Ferdinand Müller als erster Vorsitzender der Paderborner Abteilung benannt, als zweiter der erste Staatsanwalt Julius Müller, und als dritter Gymnasialdirektor Dr. Adolf Hechelmann vom Theodorianum. Als erster Schriftführer wird Gymnasiallehrer Dr. August Moser genannt, als zweiter Schriftführer Staatsanwalt Richard Haupt, und als Schatzmeister ein Kaufmann namens Heinrich Wiemers.[5]

In einer Übersicht zum Mitgliederbestand der Abteilungen der Deutschen Kolonialgesellschaft findet sich auch Paderborn wieder, und zwar mit 51 Mitgliedern im Jahr 1891. Diese Zahl wuchs im darauffolgenden Jahr auf 54 an, bevor sie 1893 drastisch auf nur noch 39 Mitglieder sank und sich auch bis 1895 nicht wieder erholte.[6]

Der Schrumpfungsprozess betraf auch den Vorstand: Von anfangs sechs Personen schrumpfte er im Herbst des Jahres 1893 durch Wegfall der Stellvertreter zunächst auf drei. Neuer Vorsitzender wurde der erste Staatsanwalt Julius Müller.[7] 1894 wurden dann die Ämter des Schriftführers und des Schatzmeisters zusammengelegt und vom Gründer des städtischen Reismann-Gymnasiums am Gierstor, Heinrich Reismann, übernommen.[8]

Heinrich Reismann, zweiter v. r. vorne, gründete 1888 das sog. Reismann-Gymnasium, das auch heute noch nahe des Gierstors Schüler*innen unterrichtet.

Über weitere Aktivitäten der Deutschen Kolonialgesellschaft in Paderborn wissen wir nichts. Erst 15 Jahre später, am 5. Juni 1909, berichtete die Kolonialzeitung über einen Vortrag von Hauptmann Paul Lessner in Paderborn, der am 1. März über seine Erlebnisse in Kamerun berichtet haben soll.[9] Lessner hielt ab 1905 regelmäßig Vorträge über „seine Erlebnisse in Kamerun“ in ganz Deutschland und war zeitweise Lehrer an der preußischen Militär-Turnanstalt in Berlin.[10] Danach, so scheint es, löste sich die Deutsche Kolonialgesellschaft in Paderborn auf. Denn zwischen den Jahren 1916 und 1922 wurden bundesweit Abteilungen der Kolonialgesellschaft mit unter 50 Mitgliedern zu sog. Wahlverbänden zusammengelegt, die dann nur noch zusammen eine Stimme als Wahlverband bei den Wahlen für den Bundesvorstand der Deutschen Kolonialgesellschaft hatten, anstatt der üblichen einen Stimme pro Abteilung. Dabei wurden im Frühjahr 1921 die Abteilungen Brilon, Höxter, Lippe Lippstadt, Bad Oeynhausen und Soest zum Wahlverband „Westphalen 1“ zusammengelegt. Da Paderborn in dieser Liste nicht auftaucht und nicht davon auszugehen ist, dass die Abteilung Paderborn zu diesem Zeitpunkt mehr als 50 Mitglieder hatte, liegt die Vermutung nahe, dass spätestens zu diesem Zeitpunkt keine lokale Abteilung der Deutschen Kolonialgesellschaft in Paderborn mehr bestand.[11]

Die Neugründung der Abteilung durch den Steuerbeamten Friedrich Hunke

Eine Auflösung der Paderborner Kolonialgesellschaft legen auch die Memoiren eines aus Detmold stammenden Postbeamten mit dem Namen Friedrich Hunke nahe, der im Zuge einer Beförderung, vermutlich Ende der 1920er Jahre, nach Paderborn versetzt wurde. Er machte es sich die Neugründung einer Ortsgruppe der Deutschen Kolonialgesellschaft zur Aufgabe, da er wegen der Versetzung sein Amt als Vorsitzender der Abteilung Detmold nicht mehr wahrnehmen konnte und, so Hunke, es zu diesem Zeitpunkt noch keine Paderborner Abteilung gegeben habe. In seinen Memoiren schreibt er: „[H]ier wurde überhaupt zu meinem Bedauern für den kolonialen Gedanken nichts getan; das sollte anders werden“. Er packte sein Vorhaben folgendermaßen an:

„Es wohnten in der Stadt etwa 10 ehemalige Schutztruppler aus DSWAfrika [Deutsch-Südwestafrika], die sich als Gruppe dem örtlichen Kriegerverein angeschlossen hatten. Ich gewann sie allesamt als Mitarbeiter und gründete zusammen mit ihnen eine neue Ortsgruppe Paderborn der DKG [Deutschen Kolonialgesellschaft]. Es wurde alles gleich groß aufgezogen. Ich bat den General von Lettow Vorbeck, uns den ersten Kolonialvortrag in Paderborn zu halten, in der Hoffnung, mit Hilfe dieses bekannten und berühmten Kolonialsoldaten, den Kolonialen Gedanken in Paderborn Wecken [sic!] zu können. Ich wurde schwer enttäuscht. Das Interesse war gleich Null. Als ich einen Studienrat auf der Westernstraße ansprach und dafür warb, den Vortrag des Generals mit seinen Schülern zu besuchen, fragte er: ‚Wer ist überhaupt dieser Lettow-Vorbeck?‘. Der Vorverkauf war kläglich, es war zum Verzweifeln. Die Veranstaltung schien ein Fehlschlag und eine finanzielle Pleite werden zu sollen.
In der höchsten Not kam ich auf den Gedanken, den Garnisonsältesten von Paderborn fernmündlich anzurufen und ihn darauf hinzuweisen, dass dem großen Kolonialsoldaten die Gefahr drohe, vor leeren Bänken sprechen zu müssen. Das half; er versprach Beistand, wenn ich die Eintrittspreise für die Mannschaften herabsetzen würde. […] Der Auftakt war nicht schlecht, zumal die Presse über die Veranstaltung berichtete. Das Erste Gefecht war gewonnen.
Als nächsten Redner nahm ich den Weltumsegler, Kapitän Kircheiß, der bei der sportbegeisterten Jugend schon besser bekannt war. Sein volkstümlich gehaltener Vortrag war besonders wirksam. Wir gewannen allmählich an Boden und Ansehen. Meine 10 Schutztruppler arbeiteten immer eifriger mit und baten mich, ihnen eine Fahne zu stiften, damit sie in der Öffentlichkeit damit auftreten und auf diese Weise für den kolonialen Gedanken werben könnten. Ich stiftete Ihnen eine Karl Peters Fahne.“[12]

Die Erläuterungen Hunkes lassen sich einerseits anhand von Artikeln im Paderborner Anzeiger bestätigen, der in der Tat über die Vorträge berichtete. Paul Emil von Lettow-Vorbeck sei am 23. Oktober 1930 nach Paderborn gekommen, um in zwei Lichtbildervorträge über seine Erlebnisse in Deutsch-Ostafrika zu berichten.[13] Den Vortrag von Kapitän Carl Kircheiß datierte die Zeitung auf den 27. Januar 1930 (was Hunkes Datierung widerspricht, der sich erinnerte, zunächst Lettow-Vorbeck eingeladen zu haben).[14] Die Abteilung Paderborn der Deutschen Kolonialgesellschaft wird ausdrücklich als Veranstalterin des zweiten Vortragsabends genannt.

Die Unterlagen der Deutschen Kolonialgesellschaft in Berlin bestätigen Hunkes Ausführungen: Hier ging am 6. April 1934 ein ausgefüllter Fragebogen aus Paderborn ein.[15] Die Gründung der Paderborner Abteilung wurde darin auf 1929 datiert, was sich mit Hunkes Ausführungen deckt. Sie habe 35 ordentliche und 9 außerordentliche Mitglieder. Zu dem Zeitpunkt des Eingangs scheint allerdings bereits ein neuer Vorstand gewählt worden zu sein: ein Oberleutnant a. D. namens Dickhuth, über den keine weiteren Informationen zu finden sind. Schriftwart sei Zahnarzt Dr. Wilhelm Wegener, Kassenwart Steuersekretär Heinrich Bohnenberg. Dieser Fragebogen ist der letzte Hinweis auf die Deutsche Kolonialgesellschaft in Paderborn.

Die Gründung des Reichskolonialbundes

Am 11. September 1936 gründete die Nationalsozialistische Reichsregierung Deutschlands den Reichskolonialbund „zur Weckung und Vertiefung des Verständnisses für die koloniale Notwendigkeit“. Danach sollten sich alle zu dem Zeitpunkt bestehenden Kolonialgesellschaften und -vereine bis zum 15. November auflösen und ihre Mitglieder dazu veranlassen, als Einzelmitglieder dem Kolonialbund beizutreten, wie aus einer Rundschrift an die leitenden Beamte in der Region hervorgeht.[16] Ob zu diesem Zeitpunkt die Abteilung der Kolonialgesellschaft in Paderborn, die sich dann hätte auflösen müssen, noch bestand, ist nicht abschließend geklärt.

Mögliche Gründe für den Misserfolg der Deutschen Kolonialgesellschaft Abt. Paderborn

Warum die Kolonialgesellschaft in Paderborn nicht denselben Erfolg hatte wie in anderen deutschen Städten ist nicht ganz klar. Denn die Abteilungen in einigen westfälischen Nachbarstädten wie etwa Bad Oeynhausen waren, wie bereits erwähnt, deutlich beständiger.[17] Ein Grund könnte die wirtschaftliche Situation Paderborns gewesen sein, die vor allem durch Agrarwirtschaft und Kleinhandel geprägt war.[18] Damit liegt die Vermutung nahe, dass die Paderborner Bevölkerung kein Interesse an der Unterstützung eines an wirtschaftlichen Interessen ausgerichteten Kolonialismus gehabt haben könnte. Da Paderborn außerdem lange ein katholisches Fürstbistum und die Bevölkerung mehrheitlich katholisch war, könnte auch darin ein Grund für das mangelnde Interesse an der Kolonialgesellschaft gesucht werden. Denn die frühe deutsche Kolonialpolitik war in erster Linie ein preußisches Projekt und damit im Rahmen des Kulturkampfes protestantisch geprägt.[19] Innerhalb der Kolonialgesellschaft lassen sich jedoch keine klaren Linien anhand von Konfessionen ziehen. So gab es neben protestantischen Mitgliedern auch prominente katholische – sowohl auf Bundesebene als auch in Paderborn. Auffällig ist jedoch, dass in Paderborn nur eine der beiden Tageszeitungen über die Veranstaltungen der Abteilung der Kolonialgesellschaft berichtete. Das Westfälische Volksblatt, das Organ der katholischen Kirche in Paderborn, das 1849 als Beiblatt zum „Westfälischen Kirchblatt für Katholiken“ gegründet worden war, schwieg sich über die Entwicklung der Paderborner Kolonialgesellschaft aus.[20]


[1] Bundesarchiv, Gründung der Deutschen Kolonialgesellschaft, Mai – Februar 1882, R 8023/256a, S 81.

[2] Zwar ist in dem Artikel von einem Kolonialverein die Rede, gemeint ist jedoch eine Kolonialgesellschaft; so nannte sich die Dachorganisation ab 1888.

[3] Paderborner Anzeiger, 2.12.1891.

[4] Deutsche Kolonialzeitung, 12.12.1891.

[5] Ebd., 2.4.1892.

[6] Bundesarchiv, Mitgliederbestand der Abteilungen der Deutschen Kolonialgesellschaft, 1888-1895, R 8023/731, S. 157.

[7] Deutsche Kolonialzeitung, 14.10.1893.

[8] Ebd., 13.10.1894.

[9] Ebd., 03.04.1909.

[10] Ebd., 23.03.1905

[11] Bundesarchiv, Zusammenlegung der unter 50 Mitgliedern bestehenden Abteilungen der Deutschen Kolonialgesellschaft zu Wahlverbänden, April 1916 – November 1922, R 8023/715, S. 166.

[12] Staatsarchiv Detmold, Fried. Hunke Nr. 2, D72, Friedrich Hunke: „meine Lebenserinnerungen“.

[13] Paderborner Anzeiger, 4.10.1930.

[14] Ebd. 31.10.1930.

[15] Bundesarchiv, Fragebogen zur Aufstellung des Abteilungshandbuches der Deutschen Kolonialgesellschaft, März – Mai 1934, R 8023/740, S. 353 und S. 55.

[16] Stadt- und Kreisarchivarchiv Paderborn, Kolonialangelegenheiten [hier: Beitritt zum Reichskolonialbund], 1936, K – Kreis Büren A 1179. Rundschrift Nr.206/36, „Betrifft: Reichskolonialbund“.

[17] Siehe Anm. Nr. 10.

[18] Bedranowsky, Birgit: Neue Energie und gesellschaftlicher Wandel: Storm und Straßenbahn für das Paderborner Land (Paderborner Historische Forschungen, Bd. 12), Köln 2002, S. 68

[19]Camilleri, Nicola: Staatsangehörigkeit und Rassismus. Rechtsdiskurse und Verwaltungspraxis in den Kolonien Eritrea und Deutsch-Ostafrika (1882-1919), Frankfurt am Main 2021, S. 173f.

[20] Grabe, Wilhelm: Westfälisches Volksblatt, Paderborn 2019, https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/titleinfo/6898109 (zuletzt abgerufen am 29.09.2023)