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„Hier wurde für den kolonialen Gedanken nichts getan“: Die Geschichte der Deutschen Kolonialgesellschaft in Paderborn

Am 26. August 1882 wurde im Englischen Hof in Frankfurt a. M. der Deutsche Kolonialverein gegründet. Ziel dieses Vereins war es:

„Die Colonialbestrebungen im deutschen Volke zu unterstützen, insbesondere
1. den dazu geeigneten in überseeischen Ländern bestehenden deutschen Handelsfactoreien, welchen der Schutz einer civilisierten Macht nicht zur Seite steht, den nationalen Schutz zu erwirken;
2. Die zur Errichtung von Handelsfactoreien geeigneten Plätze zu ermitteln und überseeische deutsche Niederlassungen zu begünstigen, ohne selbst an dessen [sic!] Begründung theilzunehmen.“[1]

Zum Zeitpunkt der Gründung des Vereins zeigte die Regierung des Deutschen Reichs noch kein Interesse am Erwerb von Kolonien und so versuchten die interessierten Kreise auf dem Wege dieser privaten Interessensgemeinschaft, auf den Erwerb deutscher Kolonien hinzuarbeiten. Nach und nach wurden in etlichen deutschen Städten Ableger des Deutschen Kolonialvereins, der sich 1888 zur Kolonialgesellschaft umformte, gegründet; so auch in Paderborn.

Die Gründung der Kolonialgesellschaft in Paderborn

Am 2. Dezember 1891 wies der Paderborner Anzeiger darauf hin, dass nun erstmals auch in der Paderstadt ein Kolonialverein[2] seine Wurzeln geschlagen habe. Ein provisorischer Vorstand sei bereits gewählt und die erste ordentliche Versammlung am 27.11.1891 im Rathaussaal abgehalten worden. Aus demselben Artikel geht hervor, dass nach einer Begrüßungsrede von Landgerichtspräsident Ferdinand Müller der „Afrikareisende“ Dr. Neubauer mehr als eine Stunde über Deutsch-Ostafrika referiert habe, und zwar über wirtschaftliche Interessen, aber auch den Sklavenhandel in der Region, der laut Neubauer auf dem „handelspolitischen Wege ausgerottet“ werden sollte. Unter den Zuhörern war, laut dem Artikel, unter anderem auch der Paderborner Domprobst Wilhelm Studmann.[3]

Der Rathaussaal des Paderborner Rathauses um 1900. Hier hat die Paderborner Abteilung der Deutschen Kolonialgesellschaft sowohl ihre erste ordentliche Versammlung als auch mehrere Vorträge abgehalten.

Die Deutsche Kolonialzeitung, als Organ der Deutschen Kolonialgesellschaft, berichtete zehn Tage später, in der Ausgabe vom 12. Dezember 1891, von der Gründung der Paderborner Abteilung, wobei sie die Vorstandsmitglieder noch nicht namentlich benannte.[4] Erst am 2. April des nächsten Jahres wurde Landgerichtspräsident Ferdinand Müller als erster Vorsitzender der Paderborner Abteilung benannt, als zweiter der erste Staatsanwalt Julius Müller, und als dritter Gymnasialdirektor Dr. Adolf Hechelmann vom Theodorianum. Als erster Schriftführer wird Gymnasiallehrer Dr. August Moser genannt, als zweiter Schriftführer Staatsanwalt Richard Haupt, und als Schatzmeister ein Kaufmann namens Heinrich Wiemers.[5]

In einer Übersicht zum Mitgliederbestand der Abteilungen der Deutschen Kolonialgesellschaft findet sich auch Paderborn wieder, und zwar mit 51 Mitgliedern im Jahr 1891. Diese Zahl wuchs im darauffolgenden Jahr auf 54 an, bevor sie 1893 drastisch auf nur noch 39 Mitglieder sank und sich auch bis 1895 nicht wieder erholte.[6]

Der Schrumpfungsprozess betraf auch den Vorstand: Von anfangs sechs Personen schrumpfte er im Herbst des Jahres 1893 durch Wegfall der Stellvertreter zunächst auf drei. Neuer Vorsitzender wurde der erste Staatsanwalt Julius Müller.[7] 1894 wurden dann die Ämter des Schriftführers und des Schatzmeisters zusammengelegt und vom Gründer des städtischen Reismann-Gymnasiums am Gierstor, Heinrich Reismann, übernommen.[8]

Heinrich Reismann, zweiter v. r. vorne, gründete 1888 das sog. Reismann-Gymnasium, das auch heute noch nahe des Gierstors Schüler*innen unterrichtet.

Über weitere Aktivitäten der Deutschen Kolonialgesellschaft in Paderborn wissen wir nichts. Erst 15 Jahre später, am 5. Juni 1909, berichtete die Kolonialzeitung über einen Vortrag von Hauptmann Paul Lessner in Paderborn, der am 1. März über seine Erlebnisse in Kamerun berichtet haben soll.[9] Lessner hielt ab 1905 regelmäßig Vorträge über „seine Erlebnisse in Kamerun“ in ganz Deutschland und war zeitweise Lehrer an der preußischen Militär-Turnanstalt in Berlin.[10] Danach, so scheint es, löste sich die Deutsche Kolonialgesellschaft in Paderborn auf. Denn zwischen den Jahren 1916 und 1922 wurden bundesweit Abteilungen der Kolonialgesellschaft mit unter 50 Mitgliedern zu sog. Wahlverbänden zusammengelegt, die dann nur noch zusammen eine Stimme als Wahlverband bei den Wahlen für den Bundesvorstand der Deutschen Kolonialgesellschaft hatten, anstatt der üblichen einen Stimme pro Abteilung. Dabei wurden im Frühjahr 1921 die Abteilungen Brilon, Höxter, Lippe Lippstadt, Bad Oeynhausen und Soest zum Wahlverband „Westphalen 1“ zusammengelegt. Da Paderborn in dieser Liste nicht auftaucht und nicht davon auszugehen ist, dass die Abteilung Paderborn zu diesem Zeitpunkt mehr als 50 Mitglieder hatte, liegt die Vermutung nahe, dass spätestens zu diesem Zeitpunkt keine lokale Abteilung der Deutschen Kolonialgesellschaft in Paderborn mehr bestand.[11]

Die Neugründung der Abteilung durch den Steuerbeamten Friedrich Hunke

Eine Auflösung der Paderborner Kolonialgesellschaft legen auch die Memoiren eines aus Detmold stammenden Postbeamten mit dem Namen Friedrich Hunke nahe, der im Zuge einer Beförderung, vermutlich Ende der 1920er Jahre, nach Paderborn versetzt wurde. Er machte es sich die Neugründung einer Ortsgruppe der Deutschen Kolonialgesellschaft zur Aufgabe, da er wegen der Versetzung sein Amt als Vorsitzender der Abteilung Detmold nicht mehr wahrnehmen konnte und, so Hunke, es zu diesem Zeitpunkt noch keine Paderborner Abteilung gegeben habe. In seinen Memoiren schreibt er: „[H]ier wurde überhaupt zu meinem Bedauern für den kolonialen Gedanken nichts getan; das sollte anders werden“. Er packte sein Vorhaben folgendermaßen an:

„Es wohnten in der Stadt etwa 10 ehemalige Schutztruppler aus DSWAfrika [Deutsch-Südwestafrika], die sich als Gruppe dem örtlichen Kriegerverein angeschlossen hatten. Ich gewann sie allesamt als Mitarbeiter und gründete zusammen mit ihnen eine neue Ortsgruppe Paderborn der DKG [Deutschen Kolonialgesellschaft]. Es wurde alles gleich groß aufgezogen. Ich bat den General von Lettow Vorbeck, uns den ersten Kolonialvortrag in Paderborn zu halten, in der Hoffnung, mit Hilfe dieses bekannten und berühmten Kolonialsoldaten, den Kolonialen Gedanken in Paderborn Wecken [sic!] zu können. Ich wurde schwer enttäuscht. Das Interesse war gleich Null. Als ich einen Studienrat auf der Westernstraße ansprach und dafür warb, den Vortrag des Generals mit seinen Schülern zu besuchen, fragte er: ‚Wer ist überhaupt dieser Lettow-Vorbeck?‘. Der Vorverkauf war kläglich, es war zum Verzweifeln. Die Veranstaltung schien ein Fehlschlag und eine finanzielle Pleite werden zu sollen.
In der höchsten Not kam ich auf den Gedanken, den Garnisonsältesten von Paderborn fernmündlich anzurufen und ihn darauf hinzuweisen, dass dem großen Kolonialsoldaten die Gefahr drohe, vor leeren Bänken sprechen zu müssen. Das half; er versprach Beistand, wenn ich die Eintrittspreise für die Mannschaften herabsetzen würde. […] Der Auftakt war nicht schlecht, zumal die Presse über die Veranstaltung berichtete. Das Erste Gefecht war gewonnen.
Als nächsten Redner nahm ich den Weltumsegler, Kapitän Kircheiß, der bei der sportbegeisterten Jugend schon besser bekannt war. Sein volkstümlich gehaltener Vortrag war besonders wirksam. Wir gewannen allmählich an Boden und Ansehen. Meine 10 Schutztruppler arbeiteten immer eifriger mit und baten mich, ihnen eine Fahne zu stiften, damit sie in der Öffentlichkeit damit auftreten und auf diese Weise für den kolonialen Gedanken werben könnten. Ich stiftete Ihnen eine Karl Peters Fahne.“[12]

Die Erläuterungen Hunkes lassen sich einerseits anhand von Artikeln im Paderborner Anzeiger bestätigen, der in der Tat über die Vorträge berichtete. Paul Emil von Lettow-Vorbeck sei am 23. Oktober 1930 nach Paderborn gekommen, um in zwei Lichtbildervorträge über seine Erlebnisse in Deutsch-Ostafrika zu berichten.[13] Den Vortrag von Kapitän Carl Kircheiß datierte die Zeitung auf den 27. Januar 1930 (was Hunkes Datierung widerspricht, der sich erinnerte, zunächst Lettow-Vorbeck eingeladen zu haben).[14] Die Abteilung Paderborn der Deutschen Kolonialgesellschaft wird ausdrücklich als Veranstalterin des zweiten Vortragsabends genannt.

Die Unterlagen der Deutschen Kolonialgesellschaft in Berlin bestätigen Hunkes Ausführungen: Hier ging am 6. April 1934 ein ausgefüllter Fragebogen aus Paderborn ein.[15] Die Gründung der Paderborner Abteilung wurde darin auf 1929 datiert, was sich mit Hunkes Ausführungen deckt. Sie habe 35 ordentliche und 9 außerordentliche Mitglieder. Zu dem Zeitpunkt des Eingangs scheint allerdings bereits ein neuer Vorstand gewählt worden zu sein: ein Oberleutnant a. D. namens Dickhuth, über den keine weiteren Informationen zu finden sind. Schriftwart sei Zahnarzt Dr. Wilhelm Wegener, Kassenwart Steuersekretär Heinrich Bohnenberg. Dieser Fragebogen ist der letzte Hinweis auf die Deutsche Kolonialgesellschaft in Paderborn.

Die Gründung des Reichskolonialbundes

Am 11. September 1936 gründete die Nationalsozialistische Reichsregierung Deutschlands den Reichskolonialbund „zur Weckung und Vertiefung des Verständnisses für die koloniale Notwendigkeit“. Danach sollten sich alle zu dem Zeitpunkt bestehenden Kolonialgesellschaften und -vereine bis zum 15. November auflösen und ihre Mitglieder dazu veranlassen, als Einzelmitglieder dem Kolonialbund beizutreten, wie aus einer Rundschrift an die leitenden Beamte in der Region hervorgeht.[16] Ob zu diesem Zeitpunkt die Abteilung der Kolonialgesellschaft in Paderborn, die sich dann hätte auflösen müssen, noch bestand, ist nicht abschließend geklärt.

Mögliche Gründe für den Misserfolg der Deutschen Kolonialgesellschaft Abt. Paderborn

Warum die Kolonialgesellschaft in Paderborn nicht denselben Erfolg hatte wie in anderen deutschen Städten ist nicht ganz klar. Denn die Abteilungen in einigen westfälischen Nachbarstädten wie etwa Bad Oeynhausen waren, wie bereits erwähnt, deutlich beständiger.[17] Ein Grund könnte die wirtschaftliche Situation Paderborns gewesen sein, die vor allem durch Agrarwirtschaft und Kleinhandel geprägt war.[18] Damit liegt die Vermutung nahe, dass die Paderborner Bevölkerung kein Interesse an der Unterstützung eines an wirtschaftlichen Interessen ausgerichteten Kolonialismus gehabt haben könnte. Da Paderborn außerdem lange ein katholisches Fürstbistum und die Bevölkerung mehrheitlich katholisch war, könnte auch darin ein Grund für das mangelnde Interesse an der Kolonialgesellschaft gesucht werden. Denn die frühe deutsche Kolonialpolitik war in erster Linie ein preußisches Projekt und damit im Rahmen des Kulturkampfes protestantisch geprägt.[19] Innerhalb der Kolonialgesellschaft lassen sich jedoch keine klaren Linien anhand von Konfessionen ziehen. So gab es neben protestantischen Mitgliedern auch prominente katholische – sowohl auf Bundesebene als auch in Paderborn. Auffällig ist jedoch, dass in Paderborn nur eine der beiden Tageszeitungen über die Veranstaltungen der Abteilung der Kolonialgesellschaft berichtete. Das Westfälische Volksblatt, das Organ der katholischen Kirche in Paderborn, das 1849 als Beiblatt zum „Westfälischen Kirchblatt für Katholiken“ gegründet worden war, schwieg sich über die Entwicklung der Paderborner Kolonialgesellschaft aus.[20]


[1] Bundesarchiv, Gründung der Deutschen Kolonialgesellschaft, Mai – Februar 1882, R 8023/256a, S 81.

[2] Zwar ist in dem Artikel von einem Kolonialverein die Rede, gemeint ist jedoch eine Kolonialgesellschaft; so nannte sich die Dachorganisation ab 1888.

[3] Paderborner Anzeiger, 2.12.1891.

[4] Deutsche Kolonialzeitung, 12.12.1891.

[5] Ebd., 2.4.1892.

[6] Bundesarchiv, Mitgliederbestand der Abteilungen der Deutschen Kolonialgesellschaft, 1888-1895, R 8023/731, S. 157.

[7] Deutsche Kolonialzeitung, 14.10.1893.

[8] Ebd., 13.10.1894.

[9] Ebd., 03.04.1909.

[10] Ebd., 23.03.1905

[11] Bundesarchiv, Zusammenlegung der unter 50 Mitgliedern bestehenden Abteilungen der Deutschen Kolonialgesellschaft zu Wahlverbänden, April 1916 – November 1922, R 8023/715, S. 166.

[12] Staatsarchiv Detmold, Fried. Hunke Nr. 2, D72, Friedrich Hunke: „meine Lebenserinnerungen“.

[13] Paderborner Anzeiger, 4.10.1930.

[14] Ebd. 31.10.1930.

[15] Bundesarchiv, Fragebogen zur Aufstellung des Abteilungshandbuches der Deutschen Kolonialgesellschaft, März – Mai 1934, R 8023/740, S. 353 und S. 55.

[16] Stadt- und Kreisarchivarchiv Paderborn, Kolonialangelegenheiten [hier: Beitritt zum Reichskolonialbund], 1936, K – Kreis Büren A 1179. Rundschrift Nr.206/36, „Betrifft: Reichskolonialbund“.

[17] Siehe Anm. Nr. 10.

[18] Bedranowsky, Birgit: Neue Energie und gesellschaftlicher Wandel: Storm und Straßenbahn für das Paderborner Land (Paderborner Historische Forschungen, Bd. 12), Köln 2002, S. 68

[19]Camilleri, Nicola: Staatsangehörigkeit und Rassismus. Rechtsdiskurse und Verwaltungspraxis in den Kolonien Eritrea und Deutsch-Ostafrika (1882-1919), Frankfurt am Main 2021, S. 173f.

[20] Grabe, Wilhelm: Westfälisches Volksblatt, Paderborn 2019, https://zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/titleinfo/6898109 (zuletzt abgerufen am 29.09.2023)